Produktivität


Die Schweiz ist Spitze – ausser bei der Produktivität: Wie kann die Schweiz ihre Produktivität steigern?

Auch 2016 belegt die Schweiz in der Weltwirtschaft einen Spitzenplatz – sie liegt in Sachen Wettbewerbsfähigkeit auf dem 2. Rang, hinter Hongkong, aber direkt vor den USA, Singapur und Aufsteiger Schweden. Also alles bestens? Leider nicht ...

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Die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes wird an seiner wirtschaftlichen Leistung, aber auch an der Effizienz der Verwaltung, an der Effizienz der Unternehmen und an der Qualität seiner Infrastruktur gemessen. Bei den Faktoren 2 bis 4 besetzt die Schweiz Plätze ganz vorne in der Rangliste, doch bei der Wirtschaftsleistung muss sie sich mit Rang 10 begnügen. Und dafür gibt es einen Grund!

Effizienz: Top – Produktivitätswachstum: Flop

Zwar gehört die Schweiz in Sachen Effizienz unbestritten zur Weltspitze. Doch wenn es um die Arbeitsproduktivität geht, ist sie nur Mittelmass: Seit 1970 hat sich die Produktivität in der Schweiz trotz der guten Rahmenbedingungen konstant schwächer entwickelt als in den anderen Industriestaaten. Die Wirtschaftsleistung pro Arbeitsstunde ist in dieser Zeit um lediglich ein Drittel gewachsen, während sich die Arbeitsproduktivität in vielen anderen europäischen Ländern im gleichen Zeitraum verdoppelt bis verdreifacht hat.

Wachsender Wohlstand
ist nur mit wachsender
Produktivität zu erreichen.

Lag die Schweiz in der Produktivitätsrangliste um 1970 noch auf einer Spitzenposition, fand sie sich schon in den Neunzigerjahren hinter Ländern wie Deutschland, den Niederlanden, Dänemark, Frankreich und den USA wieder – und sie ist weiter zurückgefallen. Die Konsequenz daraus: Wir müssen mehr arbeiten als die Bevölkerung in vergleichbaren Ländern, um einen ähnlich hohen Wohlstand zu erreichen. Denn wenn die Produktivität nicht steigt, können auch die Löhne nicht steigen – und das ist für die Binnenwirtschaft fatal. Die Schweiz scheint sogar in traditionell starken Segmenten wie dem Bankensektor oder dem Maschinenbau in Sachen Produktivität den Anschluss verpasst zu haben, und auch die Produktivität im Dienstleistungssektor ist teilweise rückläufig.
Diese Situation gibt, so sagt eine Analyse der Industrieländerorganisation OECD, Anlass zur Sorge. Mehr sogar als das vergleichsweise schwache Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP). Doch wo liegen die Gründe für den Produktivitätsrückstand? Die Meinungen in der Wissenschaft sind geteilt, und auch eine ganze Reihe von Studien kann keine definitiven Antworten darauf geben.

Investitionen als Abhilfe?

Laut den Studien, die das SECO in Auftrag gegeben hat, könnte ein wesentlicher Grund der mangelnden Produktivitätssteigerung darin liegen, dass die Investitionen im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung (BIP) bei uns seit den Siebzigerjahren im Vergleich zu anderen Industrieländern sinken. Fakt ist: Bei den Nettoinvestitionen (Bruttoinvestitionen nach Abzug der Abschreibungen) ist die Schweiz im Rückstand. Im Verhältnis zum BIP investieren andere Länder wesentlich mehr. Dagegen steht: Die Schweiz darf sich immer noch zu den konkurrenzfähigsten Ländern weltweit zählen.

Die Politik muss die
Rahmenbedingungen für
Innovation verbessern.

Ein zweiter Fakt ist: Die Schweizer Wirtschaft wandelt sich strukturell – weg von der Fabrikation, hin zu den Dienstleistungen, einer Branche also, die weit weniger kapitalintensiv ist. Kein Wunder also, dass die Investitionen zurückgehen! Zur Jahrtausendwende wurde die produzierende Industrie teilweise sogar als «überinvestiert» betrachtet, und man könnte die heutige Zurückhaltung als Korrekturmassnahme interpretieren. Auch die Zuwanderung günstiger Arbeitskräfte hat vor allem in der Binnenwirtschaft als Investitionsbremse gewirkt. Auf der anderen Seite kommt heute mit der Industrie 4.0 eine grosse Herausforderung auf die Wirtschaft zu, die ohne markante Investitionen nicht zu meistern ist, trotz der anhaltenden Frankenstärke, die oft als Hemmschuh angeführt wird. Grosse Teile der Exportwirtschaft haben bereits entsprechend reagiert und investieren verstärkt in Produktivität und Innovation. Viele Fachleute empfehlen deshalb, jetzt endgültig die Bremsen zu lösen und sich für die Zukunft zu rüsten.

Quelle des Wachstums

Wird zu viel oder zu wenig gearbeitet – oder einfach falsch gemessen?

Einige Autoren sehen in der schwachen Produktivitätssteigerung einfach die Kehrseite der (erfolgreichen) Arbeitsmarktpolitik: In der Schweiz sind auch Arbeitnehmende mit tiefer Produktivität in den Arbeitsmarkt integriert (hohe Erwerbsbeteiligung). So sinkt zwar die Durchschnittsproduktivität, dafür verharren die Arbeitslosenzahlen auf tiefem Niveau.

Andere Autoren machen den schweizerischen «Fleiss» für die tiefe Produktivität mitverantwortlich. Zwar sehen längere Arbeitszeiten pro Kopf nach mehr Produktivität aus, doch sie gehen naturgemäss mit einer tieferen Arbeitsproduktivität pro Stunde einher. Zudem kritisieren sie die OECD-Zahlen, weil die Schweiz im Produktivitätsvergleich aufgrund statistischer Messprobleme schlechter dargestellt werde, als sie wirklich ist, zum Beispiel bei der mangelnden Berücksichtigung der Teilzeitquote.

Im Wachstumsbericht vom 15. September 2016 stellen das eidg. Departement für Wirtschaft und das SECO denn auch klar: Eine Zunahme des pro Kopf geleisteten Arbeitseinsatzes (Arbeitsvolumen) muss nicht heissen, dass alle mehr arbeiten (z.B. durch eine Erhöhung der Normalarbeitszeit). Realistischere Varianten wären etwa, dass Teilzeitbeschäftigte ihren Beschäftigungsgrad erhöhen oder dass bisher nicht Erwerbstätige eine Beschäftigung aufnehmen (weitere Erhöhung der Erwerbsbeteiligung).

Hier setzen auch die Empfehlungen der OECD an: Neben der Stärkung des Wettbewerbs, vor allem in der Binnenwirtschaft und insbesondere in den Bereichen Energie, Telekommunikation und Landwirtschaft (Senkung der Direktzahlungen) sieht sie einen Lösungsansatz in der besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die Kinderbetreuungskosten sollten gesenkt und Besteuerung von Zweitverdienern reformiert werden, um die Vollzeitbeschäftigung zu fördern. Vor allem sollten mehr gut qualifizierte Frauen, die heute in Teilzeit arbeiten, voll am Arbeitsmarkt und am Erwerbsleben teilnehmen können, um den Fachkräftemangel etwas zu lindern.

Die Schweiz verliert bei Investitionen international an Boden

swiss investment graph

Politik, Unternehmen, Wissenschaft: Alle sind gefordert ...

Für höhere Wohlfahrtsgewinne muss die Schweiz vor allem ihre Wachstumsschwäche in der Arbeitsproduktivität überwinden. Das Potenzial dafür wäre da! Die verschiedenen Segmente liegen im internationalen Vergleich allerdings aus ganz unterschiedlichen Gründen zurück. Der Wandel weg von den traditionellen hin zu den innovationsintensiven Branchen könnte der Produktivität neuen Schub verleihen. Und zusätzlich sind auch vielfältige Anstrengungen notwendig, die von der Politik und der Wirtschaft gemeinsam getragen werden.

Bessere Vereinbarkeit von
Beruf und Familie gerade für
gut qualifizierte Fachleute!

Um die Rahmenbedingungen für Innovation zu optimieren, ist die Politik gefragt: Sie ist verantwortlich für eine entsprechende Bildungspolitik, die Stärkung des Wettbewerbs, eine forcierte Deregulierung sowie ein wettbewerbsfähiges und innovationsfreundliches Steuersystem.

Unternehmen und Verbände
müssen Ausbildungs- und
Investitionsstrategien entwickeln.

Auch die Unternehmen und ihre Organisationen, also die Verbände, sind gefordert. Mit einer Ausbildungs- und Fachkräftestrategie müssen sie Antworten auf die Herausforderungen der Zukunft finden und die Möglichkeiten verstärkter Investitionen in neue Technologien und Innovationsaktivitäten ausloten.
Auch die Wissenschaft kann einen Beitrag zum technologischen Fortschritt leisten. Wissenschaft und Wirtschaft müssen stärker verknüpft werden, um Forschungsergebnisse bestmöglich in eine kommerzielle Nutzung überzuführen. Innerhalb der Forschung kann zudem eine technologieübergreifende Verflechtung weiterhelfen.
In dieser Hinsicht erfüllen das swissT.net und seine Mitglieder eine Vorbildfunktion: Mit der Initiative Industrie 2025, dem Vorantreiben von Industrie 4.0, der gezielten Nachwuchsförderung und der engen Zusammenarbeit mit den Fachhochschulen wie auch unserem politischen Engagement sind wir auf gutem Weg!


Artikel zum Thema

Ende 2015 hat das SECO in der «Volkswirtschaft», seiner Plattform für Wirtschaftspolitik, einen Schwerpunkt zum Thema Produktivität veröffentlicht, in denen die Verfasser der entsprechenden Studien ihre Resultate vorstellen.

Den aktuellen Wachstumsbericht von Wirtschaftsdepartement und SECO - auch darin ist die Produktivität ein Thema.

Und schliesslich hat das BAKBASEL eine sehr informative, übersichtlich gestaltete Präsentation «Beitrag branchenspezifischer Effekte zum Wachstum der Schweizer Arbeitsproduktivität» veröffentlicht.

Digitalisierung: ein Mutmacher für KMU

Die Schweizer Arbeitsproduktivität liegt – verglichen mit vielen anderen Industrieländern – lediglich im Mittelfeld. Es braucht dringend Rezepte zur Verbesserung. Die Digitalisierung auf Basis schlanker Prozesse gehört dazu.

Von René Brugger 
Präsident des Zentralvorstands
swissT.net

Rohstoffreiche Länder haben es einfacher – wir in der Schweiz müssen auf Innovation und schlanke Prozesse bauen

Vor 1990 lag die Schweiz als rohstoffarmes Land noch an der Spitze der Produktivitätsrangliste der Industriestaaten. Doch seither hat sie Platz für Platz eingebüsst. Sind kaum Bodenschätze respektive Rohstoffe vorhanden, die eine Wertschöpfung von Natur aus ermöglichen, so ist im wahrsten Sinne des Wortes «Köpfchen» gefragt. Konkret bedeutet dies, dass vor allem im zweiten und dritten Wirtschaftssektor die Kombination der Arbeitskraft mit den übrigen Produktionsfaktoren und den Prozessen höchst effektiv und effizient gestaltet werden muss, um an der Spitze der Produktivität rangieren zu können.

Handlungsbedarf besonders bei den KMU

Die Vermutung liegt nahe, dass besonders bei den KMU ein erhöhter Handlungsbedarf besteht. Hier sind Massnahmen erforderlich, die ohne grosse finanzielle Belastung der Unternehmen die Produktivität steigern. Lean Enterprise in Kombination mit einer schrittweisen Digitalisierung gehört zum Rezept, das auch bei den KMU gezielt angegangen werden kann. Die Margen, besonders bei direkt oder auch indirekt export-abhängigen KMU, sind aufgrund der Frankenstärke nach wie vor tief und lassen Investitionen nur begrenzt zu. Umso wichtiger ist es, einen klaren Blick für die Prioritäten zu entwickeln und über längere Zeiträume zu planen.

Der Blick für die Prioritäten

Gerade bei «Lean Manufacturing» kann mit geringstem finanziellem Aufwand eine erhebliche Steigerung der Produktivität erreicht werden. Werden damit die Prozesse laufend bis ans Limit optimiert und verschlankt, kann anschliessend über eine gezielte Digitalisierung nachgedacht werden. Weil sie damit auf höchst effektiven Prozessen aufbaut, wird die Umsetzung auch entsprechend günstiger.

Digitalisierung als Muss – besonders bei KMU

Die schrittweise Digitalisierung aller Prozesse sehen wir nicht als «Kann», sondern als «Muss». Denn neue Geschäftsmodelle, die althergebrachte verdrängen, enthalten immer einen auffallend hohen Anteil an digitalen Kernkompetenzen. Besonders betroffen sind Dienstleistungen rund um die Supply Chain und im Vertrieb. Als Beispiele dienen sicher die internationalen Unternehmen wie Amazon, Uber und alle, die uns Hotels und Unterkünfte vermitteln – inklusive Airbnb. Aber es gibt auch feine Schweizer Beispiele, die teils als Startups den Trend bestens aufzeichnen: der «Online-Bio-Hofladen» www.farmy.ch oder auch der ETH-Spinoff www.quitt.ch, der virtuelle Arbeitgeber für Haushalthilfen, um nur zwei Beispiele zu nennen. Gerade diese beiden zeigen ermutigend die Zusammenarbeit mit Kleinstunternehmen bis KMU auf.

Digitalisierung ist Chefsache

Gewinnbringend mitspielen können aber nur Anbieter und Nachfrager, die über eine eigene Digitalisierung verfügen, die sie stetig weiterentwickeln. Ob dies gelingt, ist auch eine Frage der Grundeinstellung zur Digitalisierung. Diese «digitale DNA» ist Chefsache und damit auch eine Herausforderung der Generationen. Die Führungskräfte und unbedingt auch die Verwaltungsräte möchte ich dringend auffordern, sich gezielt und mit eigenen, persönlichen Experimenten mit der Digitalisierung auseinander zu setzen. Hier gibt es keine Delegation, denn das Thema ist relevant für die Strategie und somit den Fortbestand der Unternehmen. Aus unserer täglichen Erfahrung hapert es hier noch oft. Doch das Bewusstsein wächst stetig. Die Grundlagen, um in Sachen Digitalisierung einen weltweiten Spitzenrang einzunehmen, sind in der Schweiz sehr gut.

«Aufschwung beginnt im Kopf» war einst ein Slogan im letzten Jahrhundert. Mit der Digitalisierung ist es genauso. Offene, neugierige Augen und der Mut zum Experimentieren gehören dazu. Das Wagnis lohnt sich: ganz besonders auch für KMU.

Die swissT.net Vorreiterrolle bei der Umsetzung der OECD-Empfehlungen

In ihrem Bericht zur Produktivität in der Schweiz weist die OECD zu Recht darauf hin, dass nicht nur die Politik gefordert ist, sondern jedes einzelne Unternehmen, aber auch die Verbände und die Ausbildungsinstitutio-nen. Von den Hochschulen wird eine praxisbezogene Forschung verlangt, technologieübergreifend verflochten und vor allem auch wirtschaftsnah gestaltet und schnell umsetzbar.

Beim swissT.net arbeiten wir deshalb eng mit den Fachhochschulen zusammen, und wir ermuntern unsere Mitgliedfirmen natürlich auch, bei ihren Innovationsprojekten – auch im Rahmen der Digitalisierung – mit unseren Fachhochschulpartnern zusammenzuarbeiten und von ihrem Know-how und ihren Ideen zu profitieren.

Ähnliches gilt für unser Engagement bei der Initiative «Industrie 2025»: Hier geht es nicht darum, einfach eine Art Propagandabüro zu betreiben. Vielmehr bietet Industrie 2025 unseren Mitgliedern gezielte Unterstützung bei ihren Digitalisierungsprojekten und ihren Anstrengungen, bei der Industrie 4.0 vorne mit dabei zu sein.

Mit anderen Worten: Beim swissT.net übernehmen wir eine Vorreiterfunktion, wenn es darum geht, die OECD-Empfehlungen umzusetzen, die Produktivität in der Schweiz steigern zu helfen und den Werkplatz Schweiz konkurrenzfähig zu erhalten. Dazu gehören natürlich auch unsere Anstrengungen in der Nachwuchsförderung und der Ausbildung von Fachkräften, unser politisches Engagement und unsere Angebote zum Erfahrungsaustausch und Knowhow-Transfer – im ureigensten Interesse von uns allen!

Zurück an die Arbeit: Produktivität statt Leerlauf

Erstens: In vielen Unternehmen werden Mitarbeiter systematisch von der Arbeit ab-gehalten. Zweitens: Menschen, die im Job zu viel Theater spielen müssen, leiden und werden auf Dauer krank. Drittens: Arbeit bedeutet, Wertschöpfung für den Kunden zu erbringen. Alles andere ist Verschwendung und sinnloses Business-Theater.

Es braucht neue Zugänge zum Thema Produktivität: «Bei uns wird viel zu wenig gearbeitet. Stattdessen verbringen Mitarbeiter und Chefs mehr als die Hälfte ihrer Zeit mit Tätigkeiten, die zwar wie Arbeit aussehen, aber keine Arbeit sind: Meetings,
Jahresgespräche, Budgetverhandlungen, Reports, Genehmigungsprozeduren, Powerpoint-Präsentationen, Organigramme usw. – reines Business-Theater, das keine Wertschöpfung erzeugt, nicht dem Kunden dient und damit nur eines ist – Verschwendung!», schreibt Unternehmer, Ingenieur und Autor Lars Vollmer. «Meetings sind Zeitverschwendung und eine Plage. Dass da etwas falsch läuft, liegt nicht an den Menschen und ihren mangelnden Fähigkeiten, sondern an der Art und Weise, wie sie ihre Arbeit organisieren. Dass sie es mit ritualisierten Meetings versuchen, anstatt miteinander zu reden. Nicht die Kollegen oder die Chefs sind blöd. Das Instrumentarium, das sie nutzen, ist blöd.»
Ein spannendes Buch für alle, die arbeiten wollen, anstatt Arbeit zu spielen – und das uns zeigt, wie wir wieder zurückfinden zu erfolgreicher, echter Arbeit, die Freude macht, Sinn ergibt und sich für alle lohnt.

Lars Vollmer: Zurück an die Arbeit – Wie aus Business-Theatern wieder echte Unternehmen werden; Linde-Verlag, 2016, ISBN-10: 3709306124