Zukunftsmarkt China


«Made in China 2025»: Chance oder Bedrohung?

2015 beschloss die chinesische Staatsführung einen neuen strategischen Plan für die Entwicklung der Industrie: «Made in China 2025». Diese Strategie soll China innerhalb weniger Jahrzehnte an die Spitze der Industrienationen führen.

«Made in China 2025»: Plan für globale Spitzenposition

Gefördert werden sollen zehn High-Tech-Schlüsselindustrien: Maschinen für die Landwirtschaft; Schiffbau und Meerestechnik; Energieeinsparung und Elektromobilität; Informations- und Kommunikationstechnologien; Werkzeugmaschinensysteme und Robotertechnologie; Elektrizitätsanlagen; Anlagen für Luft- und Raumfahrttechnik; neue Werkstoffe und Materialien; Anlagen für den Schienenverkehr; Biomedizin/Medizingeräte. Bis 2025 soll die Selbstversorgung mit den wichtigen Materialien und Komponenten in den Schlüsselindustrien auf 70 % gesteigert werden, bis 2035 will sich China im Mittelfeld der Industriemächte etablieren und 2049, zur 100-Jahr-Feier der Volksrepublik, als führende Industrie­nation an der Weltspitze stehen.

Made in China 2025: die chinesische Industrie 4.0?

Um es gleich vorweg zu nehmen: Die chinesische Strategie ist weit mehr als eine fernöstliche Industrie 4.0. Während in Europa rein technische Fortschritte im Vordergrund stehen, geht es in China um die Restrukturierung der gesamten Industrie, um sie international wettbewerbsfähiger zu machen. Zwar soll die Fertigung ebenfalls effizienter und die Produktqualität gesteigert werden, aber die Weiterentwicklung der Produktionstechnologie ist nur eine der fünf Initiativen, die zu diesem Ziel führen sollen.

«Made in China 2025»: Plan für globale Spitzenposition

China will zur stärksten Industrienation der Welt werden. Doch um diesen ambitionierten Plan umzusetzen, braucht das Reich der Mitte noch viele Anstrengungen. Die Ziele sind definiert – und fünf Initiativen, die von Staat und Unternehmen getragen werden, sollen die Umsetzung ermöglichen.

Die erste Initiative sieht bis 2025 den Aufbau von 40 neuen Forschungs- und Entwicklungszentren vor – finanziert und kontrolliert durch Staat und Provinzregierungen. In der zweiten Initiative geht es um die Innovationsdichte: Der chinesische Marktanteil von geistigem Eigentum für High-Tech-Entwicklungen soll massiv ausgebaut werden. Die dritte Initiative legt das Schwergewicht auf Green Manufacturing – die Energieeffizienz soll gesteigert, der Ressourceneinsatz gesenkt werden. Der Energieverbrauch soll bis 2025 dem eines fortgeschrittenen westlichen Industriestaats entsprechen. Die vierte Initiative ist vergleichbar mit Industrie 4.0: Führende chinesische Unternehmen sollen Smart-­Manufacturing-Techniken aufbauen, die Fabriken digitalisieren und die Lieferketten entsprechend anpassen. Und die fünfte Initiative will die industrielle Grundlage verstärken, um die ehrgeizigen Vorgaben der Strategie in die Tat umzusetzen. 

Chancen für die Industrienationen

Der politische Druck, den China aufsetzt, um die einheimische Industrie zu modernisieren, freut natürlich die westlichen Industrienationen: In China entwickelt sich eine riesige Nachfrage nach Equipment für die Fabriken, von Industrierobotern bis zu Fertigungsstrassen, von Sensoren und Sensornetzen oder RFID-Chips bis zu Engineering-Dienstleistungen.

Chinesische Anbieter sind nur beschränkt in der Lage, diese Technologien und das nötige Know-how zur Verfügung zu stellen. Daraus ergeben sich zumindest kurz- und mittelfristig attraktive Geschäftsmöglichkeiten für westliche Unternehmen, und die Entwicklung könnte auch Möglichkeiten zu einer Vertiefung der wirtschaftlichen, technologischen und politischen Zusammenarbeit eröffnen, die beiden Seiten zugutekommt.

Wirtschaftliche Kooperation mit Fragezeichen

Allerdings steht auch ein grosses Fragezeichen im Raum: Hält sich China an die Regeln des offenen Marktes und des fairen Wettbewerbs? Im Moment sind die Fachleute in dieser Hinsicht nicht sehr optimistisch: Die chinesische Führung greift systematisch in die Märkte im eigenen Land ein, um die wirtschaftliche Dominanz chinesischer Unternehmen zu fördern. Gleichzeitig wird die ausländische Konkurrenz benachteiligt. Denn das Ziel ist klar: Made in China 2025 will im eigenen Land ausländische durch chinesische Technologie ersetzen und das Terrain für den Eintritt chinesischer Unternehmen in die internationalen Märkte vorbereiten.

Gerade auf dem Gebiet des Smart Manufacturing macht sich eine Diskriminierung ausländischer Unternehmen bemerkbar: Chinesische High­­tech-Unternehmen geniessen massive staatliche Unterstützung; ausländische Mitbewerber leiden unter der Schliessung des Markts für Informationstechnologie, dem Ausschluss von lokalen Subventionssystemen, dem niedrigen Niveau der Datensicherheit und der intensiven Datenerhebung durch den Staat.

Der Handelskrieg der USA gegen China könnte Europa allerdings in eine bessere Verhandlungsposition bringen: Es liegt im Interesse beider Seiten, die Handels- und Investitionsströme offenzuhalten; die wirtschaftliche Bedeutung Europas für China (und umgekehrt) wird zunehmen, im Moment auch noch im Bereich der intelligenten Fertigung.

China kauft Know-how ein

Um den technologischen Aufholprozess und die technologische Entwicklung zu beschleunigen, erwerben chinesische Unternehmen Kerntechnologien durch Investitionen in ausländische Firmen – ein legitimes Vorgehen, das auch im Westen gang und gäbe ist. Doch die Firmenakquisitionen werden zu grossen Teilen vom Staat unterstützt und gesteuert. Dabei wird staatliches Kapital eingesetzt; intransparente Investoren-Netzwerke treten in Aktion und nutzen die Offenheit der westlichen Marktwirtschaften. Dabei werden mitunter auch die Grundsätze des fairen Wettbewerbs untergraben.

2006 investierte China noch 16.3 Mrd. USD in westliche Firmen; ab 2015 stiegen die Käufe rasant an. 2016 gab China 247.5 Mrd. USD für Zukäufe im Ausland aus. Diese Tendenz hat sich allerdings etwas ab­geschwächt: China kämpft mit Kapitalabflüssen und hat die Kapitalkontrollen zuletzt verschärft. Doch die Übernahmen von Konkurrenten werden mit Sicherheit weitergehen.

In der Schweiz dürften nach Syngenta, Sigg, Gategroup / Swissport / SR Technics, Eterna, Lista, dem Schiffsmotorenentwickler Winterthur Gas & Diesel oder Leclanché auch noch weitere hiesige Unternehmen auf dem Radar stehen. Eine grosszügige «China-Prämie» versüsst den verkaufswilligen Aktionären die Trennung von ihren Papieren.

Technologietransfer nur in eine Richtung

Doch man darf nicht vergessen: Chinesische Investitionen in High-Tech sollen einen gross angelegten Technologietransfer generieren, der allerdings nur in einer Richtung erfolgt. Denn langfristig will China die Kontrolle über die profitabelsten Segmente der globalen Lieferketten und Produktionsnetze erlangen. Bei Erfolg könnte Made in China 2025 die Erosion der derzeitigen Technologieführerschaft der Industrieländer in allen Industriesektoren beschleunigen. Die heftigen Diskussionen um die jüngsten hochkarätigen Hightech-Akquisitionen zeigen: Regierungen in Europa und den USA sehen diese Dimension des chinesischen Strebens nach technologischer Modernisierung zunehmend als eine entscheidende und dringende Herausforderung. Vor allem die Übernahme von Roboterhersteller Kuka sorgte für Ge­sprächsstoff: Unter anderem wurde befürchtet, dass über die Schnittstellen ins Internet der Dinge sensibles Produktions-Know-how aus laufenden Anlagen in die Hände chinesischer Unternehmen gelangen könnte.

Uneinigkeit Europas kommt China entgegen

Während sich die einzelnen Länder Gedanken über chinesische Investitionen und die Wirtschaftsbeziehungen mit China machen, kann sich die EU nicht auf eine gemeinsame China-Politik einigen. Das Mercator-Institut für Chinastudien MERICS, ein deutscher Think Tank, warnt denn auch explizit vor einer chinesischen Unterwanderung Europas: Staaten wie Griechenland, Tschechien und Ungarn hintertreiben Bemühungen der EU, die chinesischen Aktivitäten und Investitionen besser zu kontrollieren. Einige Staaten im Süden und Osten der EU sympathisieren offen mit dem autoritären chinesischen System, andere erhoffen sich schnelle und grosse Investitionen in ihren Ländern und hoffen auf China als zahlungskräftige Alternative zu Europa. Im Gegenzug blockieren sie beispielsweise Fragen nach der Menschenrechtssituation in China. So kommt das MERICS etwas pointiert zum Schluss: «China klopft nicht nur an Europas Tür. Es befindet sich längst hinter ihr.»

Halbherziges und unkoordiniertes Engagement der Schweiz

Ruedi Nützi, China-Experte und Direktor der Hochschule für Wirtschaft der FH Nordwestschweiz, rät der Schweiz in einem Gastkommentar in der NZZ, dem aufsteigenden China besondere politische und wirtschaftliche Aufmerksamkeit zu widmen und eine klare Strategie zu formulieren, statt abzuwarten oder auf die Wahrnehmung von Einzelinteressen zu setzen. Er rechnet damit, dass sich die Aktivitäten Chinas in den nächsten Jahren nicht konstant entwickeln werden, sondern richtiggehend eskalieren. Das Freihandelsabkommen und die strategische Partnerschaft im Bereich Innovation verschaffe der Schweiz zwar für eine gewisse Zeit eine Ausnahmestellung, aber Öffentlichkeit und Politik nutzten diese Chancen nur punktuell, so dass die Position der Schweiz nicht gestärkt werde.

Sein Fazit: «China ist nicht nur mächtig, sondern auch zielstrebig. Die Schweiz muss sich darum mit China auseinandersetzen. Dazu braucht es nicht nur guten Willen, sondern dieselbe Zielstrebigkeit und das gleiche Selbstbewusstsein wie in China. Ich plädiere deshalb für einen regelmässigen China-Round-Table aller relevanten Akteure in der Schweiz, für die Erarbeitung einer Liste von unverkäuflichen Ressourcen der Schweiz sowie einer China-Strategie des Bundes. Mit anderen Worten: Statt uns halbherzig und unkoordiniert mit China auseinanderzusetzen, müssen wir hinschauen, aufwachen und handeln.»

Die politische Debatte über die Kontrolle staatsnaher Investoren aus dem Ausland ist bereits voll entbrannt. Eine Forderung wie die Ausweitung der Lex Koller auf die Wasserkraft, um ausländische Käufer fernzuhalten, mag eher skurril anmuten, zielt aber in eine ähnliche Richtung wie die Vorschläge für den Schutz von Schlüsseltechnologien oder eine Positivliste «unverkäuflicher Unternehmen», auf der strategisch wichtige Firmen wie Bankdienstleister oder Telekomkonzerne stehen sollen.

Kann Made in China 2025 überhaupt erfolgreich werden?

Die Strategie wird die nationalen und internationalen Märkte Chinas stark beeinflussen. Doch einige Schwachstellen verringern Umfang und Auswirkungen. Ganz sicher werden einige wichtige chinesische Produzenten effizienter und produktiver arbeiten, ihre Sektoren auf dem chinesischen Markt dominieren und zu Konkurrenten auf den internationalen Märkten werden.

Begrenzt wird Made in China 2025 möglicherweise durch das Missverhältnis zwischen politischen Prioritäten und den Bedürfnissen der Industrie, durch die Fixierung auf quantitative Ziele und eine ineffiziente Mittelvergabe. Bottom-up-Initiativen werden nicht gefördert; für die Unternehmen ist es nicht interessant, selber zu investieren, da der Staat ja die Mittel dazu bereitstellt.

Zudem dürften strukturelle Faktoren die Wirksamkeit der Politik beeinträchtigen: Chinas Wirtschaft befindet sich derzeit unter Druck; das rasante Wachstum hat sich abgeschwächt. Die Modernisierung der Produktionsprozesse wird zum Verlust von Arbeitsplätzen bei weniger qualifizierten Arbeitskräften führen. Doch Chinas Bildungssystem ist nicht darauf vorbereitet, Fachkräften auszubilden, die anspruchsvolle intelligente Fertigungswerkzeuge bedienen können. Der vorgegebene Zeitrahmen ist sehr eng und dürfte nicht ausreichen, um die gesamte Produktion innerhalb der angestrebten Termine zu transformieren.

Trotz allen Unwägbarkeiten bleibt Made in China 2025 eine starke und intelligente Herausforderung für die führenden Volkswirtschaften der Welt. Politische und wirtschaftliche Entscheidungsträger in Europa und den USA werden darauf möglichst bald intelligente Antworten finden müssen, die über die etwas naive Freude über chinesisches Kaufin­teresse an westlichen Unternehmen hinausgeht.

Informationen zum Thema:

MERICS: Made in China 2025

ETH Zürich: Künstliche Intelligenz – Chinas Hightech-Ambitionen

NZZ: «Die Frage ist nicht, ob der chinesische Markt Potenzial hat.»

NZZ: Die Schweiz braucht dringend eine China-Strategie (Gastkommentar R. Nützi)

China: Zukunftsmarkt für Schweizer Unternehmen

Freude herrschte, als die Schweiz 2014 ein Freihandelsabkommen mit China schloss: Tiefere Hürden für Marktzugang und Produkt-Zulassungen, Wegfall von Zöllen, besserer Schutz des geistigen Eigentums: Das waren Stichworte, die Industrie und Politik optimistisch stimmten.

Das Abkommen hat sich auch bereits positiv ausgewirkt. Das zeigen die Zahlen des Seco: Seit 2014 sind die Exporte um 29.4 Prozent von 8.8 Mrd. auf 11,4 Mrd. CHF angestiegen; China ist zum drittwichtigsten Handelspartner der Schweiz geworden. Allerdings sind nicht alle gleich glücklich über die Entwicklung des China-Geschäfts. Denn die Übergangsfrist für die endgültige Umsetzung beträgt zehn Jahre; die grössten Verbesserungen gewährt China erst kurz vor deren Ablauf. Für viele Produkte aus der Schweiz werden in China immer noch Zölle erhoben; diese werden nur schrittweise gesenkt. China hingegen exportiert zollfrei in die Schweiz. Während die Schweiz für chinesische Produkte, die nach anerkannten Methoden zertifiziert sind (CE-Norm) auf ein weiteres Prüfungsverfahren verzichtet, besteht China für Schweizer Produkte weiterhin auf aufwendigen Zulassungsverfahren.

Swiss Global Enterprise (S-GE): Türöffner in China
Zwar hat das Abkommen die Chancen in China verbessert, doch der Markteintritt ist anspruchsvoll. Die S-GE unterstützt Schweizer KMU mit Niederlassungen in verschiedenen chinesischen Städten, im Reich der Mitte Fuss zu fassen. Die Hoffnungen erfüllen sich nicht immer: Der Markt ist zwar riesig, aber auch sehr uneinheitlich; der Direktvertrieb in China ist sehr schwierig, und trotz grossem Potenzial bleibt der Erfolg oft unter den Erwartungen. Deshalb rät die S-GE den Firmen, den Schritt nach China erst zu wagen, wenn sie bereits Erfahrungen in auslän­dischen Märkten gemacht haben – der chinesische Markt ist eine Destination für Fortgeschrittene. Und: China muss Chefsache sein. Die regelmässige Präsenz der obersten Führung vor Ort ist entscheidend, und falls keine Niederlassung in China besteht, muss der Umweg über ein lokales Händlernetzwerk gewählt werden, das beständig von höchster Ebene betreut werden will.