Vis‑à‑vis


Das swissT.net im Gespräch mit economiesuisse

Heinz Karrer, Präsident des Wirtschaftsdachverbands economiesuisse, und René Brugger, swissT.net-Präsident, unterhalten sich über die Auswirkungen des starken Frankens auf die Schweizer Wirtschaft und die Industrie im Speziellen. Die beiden Verbandspräsidenten sind sich einig über die zu erwartenden Schwierigkeiten und diskutieren Massnahmen und Rahmenbedingungen, die in der jetzigen Situation besonders wichtig sind.

Vis-à-vis - Heinz Karrer

Die Währungssituation hat sich mit dem Entscheid der Schweizerischen Nationalbank vom 15. Januar 2015 dramatisch verändert. Wie schätzen Sie die Auswirkungen ein?

Heinz Karrer: Wenn wir über das aktuelle CHF-EUR-Verhältnis sprechen, müssen wir berücksichtigen, wie die Situation vor fünf bis sechs Jahren war. Da lag der Euro bei rund CHF 1.60. Der Mindestkurs von CHF 1.20 gab uns Stabilität – wohlwissend, dass es sich um eine temporäre Angelegenheit handelte. Trotzdem hat der Entscheid der Schweizerischen Nationalbank, die Untergrenze aufzuheben, sicher die meisten überrascht. Die Konsequenzen können schon fatal sein, und es wird sicher für viele Unternehmen schwierig werden. Wie schwierig, hängt aber stark von der Exporttätigkeit nach Europa und den bezogenen Vorleistungen im europäischen Raum ab.

René Brugger: Als swissT.net vertreten wir auch die Sicht der exportierenden Industrie und deren Zulieferer, und in diesem Bereich leidet unsere Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen Nationen nun stark. Es besteht eine riesige Differenz zwischen der Kaufkraft im industriellen Bereich und dem jetzigen CHF-EUR-Kurs, die trotz grösster Anstrengungen zur Produktivitätssteigerung mittelfristig nicht wettgemacht werden kann.

Heinz Karrer: Sie haben recht. Wir sind zweifellos weit weg von einer vermuteten Kaufkraftparität. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass das in den nächsten Monaten und vielleicht sogar Jahren so bleibt. Es gibt im Moment in Europa zu viele Fragezeichen, was die Geldpolitik anbelangt – etwa ob die Lockerung, wie sie die Europäische Zentralbank angekündigt hat, wirklich hilft und nachhaltig ist.

René Brugger: Der tatsächliche Kurs ist das eine. Das andere sind die Überlegungen der Unternehmen. Womit rechnen sie? Wovon gehen sie aus? Zurzeit beschäftigen sich viele Unternehmen stärker damit, Kostenmodelle zu rechnen, als damit, ihre Kunden zu betreuen. Das ist eine unangenehme temporäre Erscheinung. Noch viel problematischer ist aber, dass sie wohl eher mit einem Kurs in der Nähe von CHF 1.05 als von CHF 1.20 rechnen. Das löst Kräfte aus, wodurch Notfall- und Verlagerungspläne wieder aus der Schublade gezogen werden. Die jetzige Situation kann einer Deindustrialisierung Auftrieb geben. Am schlimmsten ergeht es beispielsweise den zuliefernden KMU. Diese können selbst nicht verlagern. Und sie haben Angst auf der Strecke zu bleiben, weil ihre Produkte durch günstigere Alternativen aus dem Ausland ersetzt werden.

Heinz Karrer: Die Schweiz konnte bislang die Kostennachteile gut durch die Vorteile der Innovationskraft kompensieren – zum Teil wohl überkompensieren. Aber da wird es nun sicher auch enger für viele Unternehmen.

René Brugger: Die Unternehmen unterliegen einem hohen Veränderungsdruck, was auch eine Chance sein kann. Vielleicht führt die Situation dazu, dass neue und wirtschaftlichere Technologien nun mit umso grösserem Druck umgesetzt und in den Markt eingeführt werden – sofern das Geld dazu vorhanden ist.

«Die zuliefernden KMU haben Angst auf der Strecke zu bleiben.»

René Brugger, swissT.net

Heinz Karrer: Die Innovation ist in solchen Situationen immer eine grosse Chance, auf die man hofft und die man vermutlich auch erwarten darf. Auf der anderen Seite müssen wir schon davon ausgehen, dass wir eine ziemlich massive strukturelle Bereinigung erleben werden. Unternehmen, die nahe am Kostenlimit operiert haben, werden ihre Schweizer Standorte nur mit Mühe verteidigen können. Was wir zudem deutlich feststellen: Das Interesse von Unternehmen, sich in der Schweiz neu anzusiedeln, hat rapide abgenommen. Das hat viele indirekte Konsequenzen, die noch nicht gänzlich absehbar sind. Umso wichtiger ist es, dass wir die essenziellen Wettbewerbsvorteile des Standorts Schweiz noch stärker herausstreichen und darauf achten, dass wir die Rahmenbedingungen nicht verschlechtern.

Sie sprechen beide von den Rahmenbedingungen. Welches sind Ihre ganz konkreten Erwartungen und Forderungen und an wen richten Sie diese?

Heinz Karrer: Es stehen zurzeit einige Themen auf der Agenda, die die Rahmenbedingungen beeinflussen und teilweise ganz direkt eine Verteuerung mit sich bringen. Namentlich ist die Energiestrategie 2050 zu nennen. Wir erachten es als wichtig, dass ein ganz klares Ende des Subventions- und Förderprogramms definiert wird. Andernfalls führt es nicht nur zu einer Kostenverteuerung, sondern auch zu Verwerfungen und zu falschen Anreizen. Eine gewichtige Vorlage ist zudem die Unternehmenssteuerreform III. Rund 50 Prozent der gesamten Gewinnsteuereinnahmen auf Bundesebene stammen von internationalen Unternehmen, und diese sind relativ flexibel. Es muss uns deshalb unbedingt gelingen, die Steuersysteme mit der internationalen Entwicklung kompatibel zu machen und die Attraktivität unserer Steuersituation für Unternehmen auf gleichem Niveau zu halten.

René Brugger: Da stimme ich Ihnen zu. Als Präsident eines Technologieverbands beschäftigt mich zudem das Thema «Industrie 4.0». In den USA und auch in Deutschland werden durch den Staat Milliarden in Förderprogramme gesteckt, um das Thema in den Griff zu bekommen. Ich sage nicht, dass die Schweiz von Staates wegen investieren soll, trotzdem orte ich hier gewisse Rückstände zum Nachteil der Produktivität in unserer Industrie. Wir müssen dies priorisieren und mit unserem Schweizer Innovationssystem wettmachen. Dazu gehört auch die KTI, die eine wichtige Rolle spielen muss.

Heinz Karrer: Sie sprechen eine intensivere Wirtschaftspolitik an. Das ist ein heikler Punkt – wie etwa das Beispiel Frankreich zeigt. Eine derartige Politik beinhaltet relativ schnell Schutzelemente – und das ist nicht nachhaltig. Das hilft den Unternehmen langfristig nicht. Schlussendlich geht es darum, international wettbewerbsfähig zu sein, deshalb müssen wir uns auf Rahmenbedingungen fokussieren, die den Unternehmen möglichst grosse Flexibilität lassen. Nur so kann das Innovationspotenzial auch wirklich ausgeschöpft werden. Gleichzeitig bin ich bei aller Sensibilität für den Staatshaushalt der Meinung, dass die Mittel für die Unterstützung von Bildung und Innovation durchaus erhöht werden könnten. Davon leben wir letztlich, und davon könnte auch die Industrie ganz stark profitieren.

René Brugger: Für mich geht es um den Erhalt der Investitionskraft und der Investitionslust in Innovationen, etwa in Industrie 4.0. Sobald wir ein Abwandern von Arbeitsplätzen ins Ausland haben, wandert auch die Innovation ab. Das wird passieren – und zwar bei Unternehmen, die uns sehr lieb sind, deren Arbeitsplätze und deren Technologien wir sehr gerne bei uns haben.

«Wir müssen darauf achten, dass wir die Rahmenbedingungen nicht verschlechtern.»

Heinz Karrer, economiesuisse

Heinz Karrer: Die Gefahr mag bestehen. Allerdings hat man bereits vor 20 Jahren von einer Deindustrialisierung gesprochen. Wenn man aber schaut, wie sich der industrielle Sektor in der Schweiz entwickelt hat, dann ist dieses Szenario nicht eingetroffen. Und das finde ich bemerkenswert. Die Innovationskraft ist offensichtlich unterschätzt worden. Die Industrie hat die Fähigkeit entwickelt, permanent Innovation zu betreiben. Der industrielle Anteil am BIP ist bei 19 Prozent stabil, trotz allen Kostennachteilen. Darum bin ich der Meinung, dass wir dabei die Rahmenbedingungen unbedingt erhalten und alles Erdenkliche tun müssen, um uns nicht zusätzlich im Weg zu stehen. Wir dürfen nicht das Gefühl haben, dass wir uns noch viel Zusätzliches leisten können und den internationalen Wettbewerb ausser Acht lassen.

Vis-à-vis - René Brugger

René Brugger: Wenn wir über Rahmenbedingungen sprechen, dominiert für mich ein Thema – und zwar unser Verhältnis zu Europa. Wie wollen wir mit Europa zusammenarbeiten? Wie wollen wir unseren Platz innerhalb Europas behaupten? Für mich ist es wichtig, dass man Ruhe in die Sache bringt und die Schweiz eine Strategie empfindbar macht. Denn ich persönlich erkenne zurzeit keine Strategie, wie wir uns innerhalb von Europa einbetten wollen. Das bringt zusätzliche Unsicherheiten bei Unternehmen, deren Kunden in Europa sind.

«Die Unternehmen unterliegen einem hohen Veränderungsdruck, was auch eine Chance sein kann.»

Heinz Karrer, economiesuisse

Heinz Karrer: Ich denke auch, dass das Verhältnis zu Europa für die nächsten Jahre das zentrale Thema ist. Wir exportieren 56 Prozent nach Europ a. Das – und dazu noch die geografische Einbettung – macht die Bedeutung deutlich. In dieser Phase der Unsicherheit, in der wir uns befinden, muss es meiner Meinung nach darum gehen, einen grossen Konsens zu schaffen, dass der bilaterale Weg aufrechterhalten werden muss. Einen Konsens in der Politik, aber auch in der Bevölkerung. Das sollte die Strategie sein.

Die Rolle der Parteien auf der politischen Bühne ist klar. Was sind die primären Aufgaben der Verbände in diesem Kontext?

René Brugger: Im swissT.net konzentrieren wir uns bislang stark darauf, direkt mit Dienstleistungen für unsere Mitglieder aktiv zu sein – mit Statistiken, Know-how-Austausch, Nachwuchsförderung und vielem mehr. Mit politischer Arbeit waren wir bislang sehr zurückhaltend. Für economiesuisse hat die politische Mitwirkung wohl eine hohe Priorität.

Heinz Karrer: Das ist richtig. Und ich bin überzeugt, dass das eine wichtige und sinnvolle Komplementarität in der Verbandslandschaft ist. Branchenverbände sind den branchenspezifischen Bedürfnissen viel näher, kümmern sich beispielsweise auch um die Ausbildung. Als Dachverband liegt unser Fokus bei den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen. Ich sehe unsere politische Arbeit als wichtiges DNA-Element der Schweiz. Dadurch können wir Wirtschaftsinteressen, Unternehmensinteressen und auch Arbeitsplatzinteressen in den politischen Prozess einbringen. Wir versorgen die politischen Entscheidungsträger mit wertvollen Fakten und Informationen aus der Arbeitswelt.

«Unsere politische Arbeit ist ein wichtiges DNA-Element der Schweiz.»

Heinz Karrer, economiesuisse

René Brugger: In diesem Zusammenhang sehe ich auch eine gewisse Pflicht bei den Unternehmen. Schliesslich sind die Angestellten eines Unternehmens auch Stimmbürger, eingebettet in ein wirtschaftliches Umfeld, das sie durch ihre Stimme beeinflussen. Ich fände es wichtig, dass die Unternehmer und die CEOs mehr mit ihren Mitarbeitenden über politische Zusammenhänge sprechen, dass sie transparent kommunizieren – zum Beispiel darüber, dass ein Teil der Fachkräfte im Unternehmen aus dem Ausland kommt. Und zwar nicht, weil die ausländischen Arbeitnehmer günstiger wären, sondern weil sich in der Schweiz keine passende Person auf das entsprechende Stelleninserat gemeldet hat. Das soll nicht manipulativ sein, sondern sachlich. Es soll das Verständnis für wirtschaftspolitische Zusammenhänge fördern. Eine Umfrage innerhalb des swissT.net hat gezeigt, dass hier noch eine Zurückhaltung herrscht. Das erachte ich als nicht genutztes Potenzial.

Vis-à-vis - economiesuisse
swisst.net-Präsident René Brugger und Geschäftsführer Roland Steinemann zu Gast bei economiesuisse in Zürich.

Heinz Karrer: Sie sprechen einen extrem wichtigen Punkt an. Die Zeit der politisch engagierten Patrons ist vorbei. Sie haben keine Zeit mehr dafür, sind mal da und mal dort auf der Welt. Ihre Orientierungsfunktion ist gesunken, schliesslich kann man sich heute per Mausklick selbst über alles informieren. Die Frage, ob das gut oder schlecht ist, stellt sich nicht. Es ist jedenfalls auch für uns einiges anspruchsvoller, eine Orientierung herbeizuführen. Ich teile Ihre Ansicht hundertprozentig, dass eine grosse Kampagne nicht ausreicht, um das Vertrauen gegenüber der Wirtschaft zu stärken. Da müssen Tausende Unternehmerinnen und Unternehmer in ihrem eigenen Umfeld mitwirken. Als Unternehmer wäre ich in dieser Hinsicht früher auch etwas zurückhaltend gewesen, schliesslich hätte ich meine Mitarbeitenden nicht beeinflussen wollen. Aber letztlich geht es nur darum, dass die Angestellten darüber informiert sind, was für ihr Unternehmen wichtig ist. Was es braucht, damit Investitionen getätigt werden können, damit Innovation entsteht. Das ist ein Dialog der unbedingt gefördert werden muss.

René Brugger: Auch durch uns als Verbände.

Heinz Karrer: Genau. Es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass mehr Leute an einem solchen Dialog teilnehmen.