«Ich glaube nicht, dass es irgendeinen Wirtschaftssektor oder eine Branche gibt, die von Augmented Reality unberührt bleibt.» (Tim Cook, CEO Apple)

Augmented Reality, Mixed Reality und Virtual Reality entwachsen langsam ihren Pokemon-Go-Kinderschuhen. Bis jetzt dienen diese Technologien vor allem der Unterhaltung (das ist immer ein gutes Testfeld) oder als spektakulärer Anziehungspunkt an Messen. Doch so langsam halten sie auch Einzug im industriellen Alltag. Und hier müssen sie beweisen, dass sie wirklich einen Beitrag zu Produktivität, Produktsicherheit und Qualität leisten können.

Augmented Reality, Mixed Reality und Virtual Reality entwachsen langsam ihren Pokemon-Go-Kinderschuhen

Kurz zu den Begriffen: Augmented Reality (AR), also erweiterte Realität, ist die Anreicherung von gefilmten oder fotografierten Darstellungen der Umgebung durch Grafiken, Informationen oder Animationen. Um sie zu berechnen und wiederzugeben, braucht es ein Tablet, Smartphone oder sonst einen Computer (oder einen Bildschirm im Auto, der das Bild der Rückfahkamera und die eingeblendeten Parkier-Leitlinien zeigt).

Mixed Reality (MR) führt diesen Gedanken weiter. Um den realistischen Eindruck zu verstärken, werden die computergenerierten Inhalte auf ein Headup-Display oder eine spezielle Brille projiziert: Die digitalen Bilder verschmelzen mit der Wirklichkeit.

Bei der Virtual Reality (VR) schliesslich taucht der Nutzer voll und ganz in eine virtuelle Welt ein. Ein Computer erzeugt eine rein virtuelle 3D-Welt mit integrierter 360-Grad-Ansicht, die ebenfalls über eine spezielle Brille betrachtet wird; Sensoren ermöglichen eine Orientierung im Raum. Im Geschäftsleben werden solche Anwendungen bereits umgesetzt, beispielsweise bei Visualisierungen von Gebäuden und Innenräumen oder Neumöblierungen.

Augmented und Mixed Reality in Industrie und Logistik

In der Produktion, vor allem während der Montage-Einlernphase, werden diese Techniken schon des Öfteren eingesetzt. Zum Beispiel: Die digitalen Komponenten eines Objekts werden in der Montage-Reihenfolge via Augmented-Reality-Anwendung auf einem Bildschirm zu einem digitalen Zwilling zusammengefügt. Der Mitarbeiter sieht genau, was er in der Realität wo und wie verbauen muss. Bei falschen Handgriffen wird eine Warnung angezeigt. So kann er sein Ergebnis nach jedem Arbeitsschritt mit dem digitalen Modell vergleichen. Um ihm die Suche nach den Komponenten zu ersparen, kommuniziert der Montage-Assistent mit dem Regalsystem der Montageinsel: Ein Lichtsignal am jeweiligen Fach zeigt, welche Komponente als nächste drankommt. Auf ähnliche Weise kann Augmented Reality auch bei Reparaturarbeiten eingesetzt werden.

In der Logistik gibt es ebenfalls verschiedene Einsatzmöglichkeiten. So werden Lagermitarbeiter oder Staplerfahrer über digitale Anzeigen zum Artikel geführt, der abgeholt werden soll. Bei DHL hat die test­mässige Einführung eines solchen Vision-Picking-Systems zu einer Produktivitätssteigerung von 15% geführt; die Fehlerquote konnte massiv verringert werden. Nach dem Erfolg dieses Programms fasst DHL weitere Anwendungen ins Auge, zum Beispiel für Schulungen, Wartungsarbeiten oder die Berechnung von Sendungsmassen. Weitere Anwendungen dienen der Zutrittskontrolle und betriebsinternen Verkehrsregelung: Türen beispielsweise, die nicht von allen geöffnet werden dürfen, werden mit einen virtuellen Öffnungsknopf versehen. Autorisierte Mitarbeiter sehen ihn via Handykamera auf einer User-authentifizierten App. Das Tor öffnet sich erst auf Bildschirm-Knopfdruck. Unberechtigte Passanten sehen diesen Knopf auf Ihrem Handy natürlich nicht; für Sie hat die Tür keinen sichtbaren Öffnungsmechansimus.

Wie ist das mit der Akzeptanz?

Am einfachsten ist der Einsatz von Augmented Reality via Handy oder Tablet. Die Schulung ist simpel, die Geräte sind dem Mitarbeiter aus dem Alltagsleben vertraut. Die Sicht des Mitarbeiters wird weder gestört noch durch ein ungewohntes «Brillensgestell» eingeschränkt. Etwas mehr Gewöhnungszeit braucht es für Wearables (am Körper tragbare Geräte mit integrierter Intelligenz) wie die Hololens von Microsoft, «smart ­Glasses» oder auch die unförmigen digitale «Taucherbrillen» der VR-Systeme. Sie haben den grossen Vorteil, dass ihr Träger die Hände frei hat; da sie einen potenten Rechner und ein Mikrofon eingebaut haben, können sie einfach via Sprachsteuerung bedient werden.

Allerdings wirken solche Geräte auch «entpersönlichend»: Die Träger dieser Teile sehen schnell uniform und gesichtslos aus, fast wie die Stormtroopers in einem Star-Wars-Film, und sie können nicht auf den ersten Blick identifiziert werden. Natürlich sind diese Brillen-Computer in ein grosses Netzwerk eingebunden und via GPS einfach zu orten. Dass solche Systeme vom Daten- und Persönlichkeitsschutz her auch eine kritische Seite haben, liegt auf der Hand. Dass ihr Einsatz nicht unproblematisch ist, hat Google Glass gezeigt: Dieses Projekt startete mit grossen Vorschusslorbeeren und verschwand aufgrund vieler warnender Stimmen bereits ein Jahr später wieder sang- und klanglos in der Versenkung.

Trotzdem grosse Zukunft für AR, MR und VR

Wie bei jeder neuen Technologie geht es einige Zeit, bis sie sich wirklich durchsetzt, vor allem wenn sie mit hohen Beschaffungs- und Entwicklungskosten verbunden ist. Auch das könnte ein Grund dafür sein, weshalb viele Unternehmen sie noch sehr zurückhaltend einsetzen – trotz der vielen Vorteile, die sie bieten.

Doch die Industrie gibt sich optimistisch: Die weltweiten Investitionen in Virtual und Augmented Reality sollen sich bis 2021 jedes Jahr verdoppeln. Haupttreiber der Entwicklung sind allerdings noch die Privathaushalte. Doch der Anteil der Industrie am Kuchen, der laut Analysten von Goldman Sachs bis 2025 jährlich um 180 Milliarden Dollar wert sein wird, dürfte in den nächsten Jahren ebenfalls steigen.