Jahrestagung


Technologien verändern die Gesellschaft

Neue Technologien sind immer eine grosse Herausforderung – für diejenigen, die sie entwickeln, für die Nutzer – und nicht zuletzt auch für die breiten Massen, die sich auf der einen Seite über ihre Vorteile freuen, aber gleichzeitig auch Angst vor einschneidenden Veränderungen haben.

Digitalisierung, Automatisierung, Robotisierung, technische Neuerungen in der Telekommunikation wie das leistungsfähige 5G-Netz: All das löst bei der Bevölkerung diffuse und konkrete Ängste aus, die sich nur schwer aus der Welt schaffen lassen. René Brugger empfiehlt, die Menschen und ihre Ängste ernst zu nehmen: Dass die Gesellschaft durch die Digitalisierung und die Technologisierung verändert wird, ist ein Fakt, mit dem man sich auseinandersetzen muss.

Was den Nachmittag besonders spannend machte, war das Setting mit Referaten von Fachexperten, die danach vom Organisationspsychologen Prof. Dr. Hartmut Schulze kritisch unter die Lupe genommen, reflektiert oder ergänzt wurden.

Technik kann die Gesundheit der Gesellschaft gefährden!

So das Fazit von Rolf Hügli, Generalsekretär der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaften (SATW), wenn er die heutigen Entwicklungen weiterdenkt.

  1. Soziale Medien können der Demokratie schaden, wie der Wahlkampf in den USA oder die Brexit-Abstimmung zeigen. Die sozialen Medien verleihen auch den offensichtlichsten Lügen Glaubwürdigkeit. Gleichzeitig entziehen sie sich jeder sozialen Kontrolle. «Fighting Fake Facts» wird deshalb zu einer entscheidenden Aufgabe.
  2. Dienstleistung 2.0 kann die Gesellschaft von Grund auf verändern. Die grossen Schübe der Automatisierung in der Industrie sind vorbei. Bis jetzt konnten «wegrationalisierte» Arbeitskräfte vom 1. in den 2. und vom 2. in den 3. Sektor verschoben werden. Wird der 3. Sektor automatisiert, fehlt ein 4. Sektor. Damit drohen der Gesellschaft ernsthafte Konsequenzen bis hin zu Revolten aufgrund hoher Arbeitslosigkeit und riesiger Einkommensunterschiede. Der Staat muss reagieren: Umverteilung via Steuern und ein bedingungsloses Grundeinkommen werden zu einem zentralen Thema.
  3. Künstliche Intelligenz: Wird der Mensch zum Auslaufmodell? Heute lösen lernfähige Systeme auch komplexe Aufgaben; morgen können sie vielleicht Emotionen, Fantasie und Ehrgeiz entwickeln. Entwickelt sich der Mensch übermorgen zum Cyborg, und übernimmt – wie Stephen Hawking befürchtete – in 25 Jahren eine Maschinenintelligenz die Macht, die den Menschen nur als Störfaktor betrachtet?

Erfahrungswissen geht verloren

Der Arbeits- und Organisationspsychologe Prof. Dr. Hartmut Schulze von der Fachhochschule Nordwestschweiz befürchtet, dass durch den vermehrten Einsatz von Expertensystemen und künstlicher Intelligenz menschliche Stärken wie Erfahrungswissen, Gefühl und sensorische Fähigkeiten verlorengehen. Maschinen und Werkzeuge können die Funktion der «Erweiterung des Körpers» übernehmen. Aber kann auch ein Roboter zum sinnlich verstehbaren Werkzeug werden? Die Technik kann und muss anders und vor allem menschlicher genutzt werden.

Autonomes Fahren: Hype oder Realität?

Markus Maibach, Leiter eines nationalen Forschungspakets «Mobilität der Zukunft» ist überzeugt: Gute und brauchbare Science-Fiction setzt sich immer durch! Das gilt auch für die Mobilität.

«Mobility as a Service» wird in Zukunft eine zentrale Forderung bleiben. Bis zum echt autonomen Fahren wird es allerdings noch eine Weile dauern. Fünf Entwicklungsstufen definieren das Konzept. Die ersten drei Levels – Fahrassistenzsysteme, teilautomatisiertes Fahren (Assistenten mit Lenkeingriff, automatisches Parkieren) und hochautomatisiertes Fahren (Tesla, Audi etc.) sind bereits Realität; die Technik wird angeboten, verkauft und eingesetzt. Das vollautomatisierte Fahren (der Fahrer nur noch als «Backup») ist in Erprobung, und mit dem autonomen Fahren (kein Fahrer mehr, sondern nur noch Passagiere) im gemischten Verkehr wird ab 2030 gerechnet. Grundsätzlich ist die Technik vorhanden. Noch ist nicht klar, in welche Richtung der Hauptnutzen gesehen wird: Wird sich der Besitzer an fremdbestimmtes «Chauffiertwerden» gewöhnen? Wird es noch Fahrzeuge im Privatbesitz geben, oder werden sich Sharing-Systeme durchsetzen? Wann gilt auf ersten Strassen ein Fahrverbot für nichtautomatisierte Fahrzeuge? Die Zukunft wird es zeigen.

Verlieren wir im Verkehr unser Selbstbestimmungsrecht?

Für Hartmut Schulze ist das eine Entwicklung, die genau verfolgt werden muss. Wir fühlen uns lebendig beim Fahren, wir spüren, lenken, reagieren. Verlieren wir irgendwann völlig den Bezug zum Fahren, weil wir es selbst gar nicht mehr können? Unser Gefühl der Autonomie, des Selber-Entscheiden-Könnens können wir auch an einem anderen Ort ausleben als auf der Strasse. Bleibt die Frage, ob das autonome Auto in hochgefährlichen Situationen wirklich sinnvoller reagiert als der Mensch.

Wenn virtuelle Realität zur Wirklichkeit wird

Joël Allenspach, Geschäftsgründer der jAMAZE AG, gibt einen kurzen Überblick über die heutigen Möglichkeiten der Extended Reality (XR) im Marketing, an Messen und an Events – und die Perspektive dieser Technologien. Heute kann man damit Realbilder mit Information anreichern, die Realität nachbilden oder sogar eigene Realitäten kreieren. Beispiele: die Optimierung von Fabrikationsprozessen anhand eines digitalen Zwillings, Training an und in komplexen Anlagen, das Einüben von Handgriffen oder interaktive Showrooms. Mit der Miniaturisierung der Rechner werden irgendwann die Verschmelzung von XR-Devices mit dem menschlichen Körper kommen, ausgefeilte Brain-Computer-Interfaces, das Leben in einer alternativen Realität ...

Schizophrenie durch Technik

Für Hartmut Schulze stellen sich in dieser Hinsicht einige wichtige Fragen. Was ist eigentlich real? Wann beginnt die «andere» Welt? Was will ich dort? Bin ich überhaupt da, wo ich zu sein glaube? Wo müssen wir der Entwicklung selber Grenzen setzen, damit wir nicht das Gefühl für die Praxis verlieren? Wir werden lernen müssen, die Welten auseinanderzuhalten, menschliches Erfahrungswissen einzubringen und zu bewahren und auch möglichst viele «echte» Erfahrungen vermitteln.

Die humanoiden Roboter kommen!

Jean-Christophe Gostanian, CEO der Avatarion Technology AG, vertreibt humanoide Roboter und Roboter-Software. Er ist der Überzeugung, dass die «Hollywood-Robotik» das Bild der Branche geprägt hat: Die Menschen erwarten viel von ihr. Sie haben aber auch Angst davor, nicht zuletzt deshalb, weil sich die «bösen» militärisch genutzten Roboter besser vermarkten lassen als die «lieben», die in Unternehmen und Institutionen mit Menschen in Kontakt treten, zum Beispiel an der Hotel-Rezeption oder als Avatar schwerkranker Kinder, die diese in der Schule vertreten. Trotzdem sieht er eine grosse Zukunft für die humanoiden Roboter, beispielsweise als Assistenten oder in Seniorenheimen.

Ein Problem, das für ihn besonders wichtig ist: China hat mit seiner aggressiven Firmenübernahme-Strategie und staatlich geförderten «Riesen--Startups» begonnen, die Branche zu monopolisieren. Wir verlieren den Anschluss an eine Nation, die sehr wenig von Datenschutz hält!

Was darf ein Roboter überhaupt?

Soll ein Roboter menschlich reagieren, ohne Gefühle zu haben? Für Hartmut Schulze eine wichtige Frage. Tests haben gezeigt: In der Altenbetreuung, darf er schon, mit Kindern oder am Empfang eines Unternehmens lieber nicht! Aber eine Studie hat bewiesen, dass Kinder, die einem Roboter Sprache beibringen, dabei sehr viel lernen. Es bleibt die Angst, dass bei Menschen, die mit einem «emotional» reagierenden Roboter eine Beziehung eingehen, der Kontakt mit echten Menschen leidet. Deshalb plädiert Hartmut Schulze dafür, zu definieren, bis zu welchem Punkt Roboter funktionieren dürfen: Wir müssen Regeln setzen, damit wir die Kontrolle behalten.

Diskussionen am Ende eines spannenden Nachmittags

Nach einer angeregten Diskussion unter den Experten und einigen weiterführenden Statements aus dem Publikum gehen die Gespräche beim Apéro riche an den Tischen weiter.

In einem Punkt herrscht dabei grosse Einigkeit: Die Jahrestagung war eine bereichernde Erfahrung, die viele wichtige Denkanstösse gegeben hat. Wir dürfen gespannt sein, was in den nächsten Jahren an Positivem auf uns zukommt. Und wir müssen uns dafür engagieren, die negativen Seiten der Entwicklung in den Griff zu bekommen – zum Wohl einer friedlichen, prosperierenden Gesellschaft.

Eine hochkarätige Expertenrunde: René Brugger unterhält sich mit Prof. Dr. Hartmut Schulze (Organisationspsychologe, Leiter des Instituts für Kooperationsforschung und -entwicklung an der Hochschule für Angewandte Psychologie FHNW, Rolf Hügli (Generalsekretär und operativer Leiter der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaften SATW), Joël Allenspach (Geschäftsführer und Gründer jAMAZE AG), Jean Christophe Gostanian (CEO Avatarion Technology AG) und Markus Maibach (Ökonom, Organisationsberater und Dozent, Partner Büro INFRAS Zürich).