Nur noch 120 mal schlafen, bis Ihr Zahlungsverkehr zusammenbricht?

Der internationale und der Schweizer Zahlungsverkehr erhalten Mitte 2018 eine neue Norm. Die zuständige SIX Payment Services AG ist startbereit, die Banken und Softwareanbieter auch – aber viele Unternehmen sind noch nicht ganz so weit. Doch allen, die noch nicht mit der Umstellung begonnen haben, läuft langsam die Zeit davon.

ISO 20022 oder der UNIFI-Standard (UNIversal Financial Industry message scheme) ist der internationale Standard für den Zahlungsverkehr im SEPA-Raum (Europa) und darüber hinaus (auch Kanada, Australien und die USA arbeiten an ISO-Projekten). Dieser Standard will die existierenden und neuen Richtlinien für den Nachrichtenaustausch im Finanzwesen vereinheitlichen und kompatibel machen. ISO 20022 definiert die entsprechende Plattform, die dafür einen einheitlichen Entwicklungs-und Modellierungsprozess vorgibt. Damit können Nachrichten und Meldungen in Standardisierungsorganisationen wie zum Beispiel SWIFT (Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication) entwickelt und unter ISO 20022 als weltweit gültiger Standard verabschiedet werden.

In der Schweiz bedeutet das beispielsweise, dass die verschiedenen Zahlungsverkehrs-Systeme von Post und Banken angepasst und vereinheitlicht werden.

Was ändert sich genau?

Der neue Standard im Zahlungs-verkehr beeinflusst KMU in drei Bereichen:

Kreditorenprozesse: Überweisungen und Zahlungsaufträge werden in einem neuen Datei-Format übermittelt. Die beiden bisherigen Formate DTA und EZAG (der Post) werden durch das Datei-Format pain.001 im ISO-Standard abgelöst.

Debitorenprozesse und Reporting bzw. Cash Management: Kontoinformationen werden via Kontoauszüge in einem neuen Datei-Format übermittelt. Das Format SWIFT MT940 wird durch das Datei-Format camt.053 abgelöst; die v11-Datei, die Einzahlungen der Kunden über orange Einzahlungsscheine aufbereitet, wird durch die Datei-Formate camt.052, camt.053 und camt.054 ersetzt.

Neuer Einzahlungsschein: Ab 2019 ersetzt die QR-Rechnung mit Zahlteil die bisherigen sieben verschiedenen Einzahlungsscheine. Der QR-Code kann mit dem Smartphone oder über eine E-Banking-App gescannt und die Rechnung mit einem Klick bezahlt werden. Das mühselige Abtippen der 27-stelligen Referenznummer entfällt.

Die Banken sind soweit. Aber längst nicht alle Bankkunden.

Im Dezember kam von SIX Interbank Clearing die frohe Botschaft, dass 208 Banken die Umstellung auf ISO 20022 abgeschlossen hätten. Damit seien alle Teilnehmer am SIX Interbank Clearing Zahlungssystem bereit für den nächsten Schritt: Die Umstellung des Zahlungsverkehrs bei ihren Firmenkunden.

Und jetzt kommt das Problem. Ein grosser Teil der Banken hat ihre Kunden erst relativ spät auf die Umstellung aufmerksam gemacht, und viele haben die Avisierung der Bank zwar zur Kenntnis genommen, räumen der Umstellung aber keine hohe Priorität ein. Andere haben sich bereits über andere Kanäle informiert und sind in ihren Anpassungen gut unterwegs. Doch die Frage ist, wie gut sie sich mit ihren Hausbanken über die nötigen Detail-Anpassungen abgesprochen haben. In dieser Hinsicht ist eine sorgfältige Koordination der notwendigen Massnahmen ein Muss!

Wenn Zufriedenheit zum Problem wird

Laut Umfragen sind die meisten Unternehmen rundum zufrieden mit dem Funktionieren ihrer Zahlungsverkehr- und Finanz-Lösungen. Deshalb sehen viele auch keine grosse Notwendigkeit, etwas zu ändern: Es funktioniert doch alles perfekt! Aber diese Einstellung rächt sich spätestens dann, wenn am 30. Juni 2018 auf ISO 20022 umgestellt wird: Es ist möglich, dass dann plötzlich vieles nicht mehr so funktioniert, wie man es sich gewohnt ist. Wer dann nicht vorbereitet ist, könnte in heftigen Liquiditätsengpass laufen, da der Zahlungsverkehr teilweise zusammenbrechen kann. Im Moment rechnen Fachleute damit, dass fast zwei Drittel der mittel bis stark betroffenen Organisationen am Stichtag nicht bereit sein werden.

Aber unsere Software ist doch ISO 20022 ready!

Das ist sehr gut möglich. Die Softwareanbieter arbeiten mit Hochdruck daran, ältere Versionen an den neuen Standard anzupassen. Das Problem ist nur: Auch die ganzen Prozesse im Zahlungsverkehr müssen angepasst werden, und das geschieht nicht automatisch. Es ist notwendig, schon vor der Migration z.B. die Bank- und Stammdaten von Kreditoren anzupassen – und das geht nicht von selbst!

Werden Sie also möglichst schnell aktiv. Nehmen Sie als erstes mit Ihrem Softwarepartner Kontakt auf. Er wird Ihnen genau sagen können, ob Sie ein Programm-Update oder allenfalls auch neue Hardware-Komponenten brauchen. Sorgen Sie dafür, dass möglichst schnell die aktuellste Software-Version aufgespielt wird, die auch ISO 20022 ready ist.

Suchen Sie das Gespräch mit Ihrer Bank. Sie wird Ihnen auch bestätigen können, ob Ihre Konfiguration funktioniert, und sie wird Sie bei der Anpassung Ihrer Prozesse unterstützen. Verlangen Sie Hilfe bei der Erstellung eines Zeitplans, bei der Aufgaben-Definition für Ihre Administrationsabteilung und bei der Begleitung der ganzen Umstellung. Und setzen Sie Dampf hinter Ihre Umstellung!

Was, wenn wir nicht bereit sind?

SIX erhebt regelmässig den Stand der Kundenmigration bei den Banken. Im Moment wird zwar noch von einer termingerechten Umstellung ausgegangen; allerdings ist noch nicht ganz klar, ob der Termin für alle zu halten ist, und wie damit umgegangen wird. Auf jeden Fall sollte nicht davon ausgegangen werden, dass SIX und die Banken dann schon warten, bis auch wirklich alle Nachzügler unter ihren Geschäftskunden bereit sind...

Bei gewissen Folgemassnahmen wie der Einführung der QR-Rechnung ist noch ein bisschen mehr Luft, und nach dem heutigen Stand der Dinge dürfte sich ihre Lancierung um mindestens ein halbes Jahr verzögern, vom anvisierten Januar 2019 auf frühestens Mitte Jahr 2019. Trotzdem: Es ist höchste Zeit, die Umstellung anzupacken!

Einfach und verständlich:
www.srf.ch/news/wirtschaft/neues-zahlungssystem-warum-iso20022-interessieren-muss