Industrie 2025


Industrieforum 2025: Wenn aus einfach komplex wird

Mit dem Titel «5 Bausteine zum Industrie-4.0-Erfolg» lockte das Industrieforum 2025 am 9. Mai 2019 wieder rund 300 Besucher nach Brugg. Umsetzungsstrategien standen im Fokus. Aber nicht nur.

Die Bedeutung der Digitalisierung scheint nun definitiv in den Köpfen der Wirtschaftsführer angekommen zu sein. Robert Rudolph, der Präsident der Initiative Industrie 2025, zog damit ein erstes Zwischenfazit der Initiative Industrie 2025, deren erklärtes Ziel es ist, das Bewusstsein für die Digitalisierung in der Industrie zu schärfen. Dies scheint erreicht, ginge es doch mittlerweile eher darum, den Hype zu bremsen. Gleichzeitig hob er auch hervor, dass KMU insbesondere bei der Umsetzung Mühe bekunden. Entsprechend war das Programm mit zahlreichen Umsetzungsstrategien gespickt. Hielt vielleicht deshalb auch nicht ein Bundesrat die Eröffnungsrede, wie die letzten Jahre üblich, sondern die Staatssekretärin Martina Hirayama?

Die Revolution, die keine ist

Erfrischend war Caspar Hirschis Referat, hat er doch als Geschichtsprofessor einen etwas anderen Blick auf die Thematik geworfen und den Begriff Industrie 4.0 einem historischen Faktencheck unterworfen. Eloquent hat er dargelegt, dass die vierte industrielle Revolution eben keine ist, sondern sich bereits lange angekündigt habe und in ihrer Radikalität übertrieben sei. Gleichzeitig hat er auch auf die Gefahr hingewiesen, vor lauter Hype das Wesentliche zu übersehen: die Aufhebung der Grenze zwischen Industrie- und Dienstleistungssektor sowie den Plattformkapitalismus, bei welchem Unternehmen mit unterschiedlichen Geschäftsmodellen in unterschiedlichen Märkten tätig sind.

Ebenso erfrischend waren die folgenden drei Erfahrungsberichte aus KMUs. PWB und Luisi & Diener, zwei Lohnfertiger zwischen 20 und 80 Mitarbeiter, haben eindrücklich aufgezeigt, wie man auch als kleines Unternehmen pragmatisch zu Lösungen kommt. Bereits da hat sich der Fokus auf das Kundenbedürfnis gezeigt. Gute Qualität und Pünktlichkeit seien zwar nach wie vor wichtig, aber «man begeistert keinen, wenn man liefert, was man liefern muss». Den Kunden ins Zentrum stellt auch die STOBAG und reisst damit einige Baustellen im Bereich der IT-Landschaft auf, um die nötige Flexibilität dazu zu erhalten. Erstes Zwischenfazit: Je einfacher es für den Kunden werden soll, desto komplexer wird die Umsetzung.

Alle kämpfen mit Daten

Auch bei einer kürzlich von der ZHAW durchgeführten Studie zeigte sich, dass sich Industrieunternehmen immer mehr zu Dienstleistungsunternehmen transformieren. Interessant sind auch die in der Studie herausgeschälten Voraussetzungen zur Transformation: Es braucht modulare Produkte, eindeutige Datenstrukturen mit definierten Schnittstellen und die Digitalisierung des bestehenden Wissens im Unternehmen, auch über Köpfe und Silos hinweg. Mit ganz anderen Silos kämpft Weber Saint Gobain. Nämlich mit physischen, die ohne genau bekannte Adresse und Füllstandanzeige ge- und beliefert werden müssen. Ein sehr spannender IoT-Use-Case mit grossem Business-Nutzen. Und ein weiteres Beispiel dafür, wie klar die Digitalisierungsmöglichkeiten auf der Hand liegen. Es verwundert, dass solche Potenziale nicht schon früher gehoben wurden, zeigt aber auch eindrücklich die Herausforderungen und Komplexitäten, mit denen die Firmen auf dem Weg dahin kämpfen.

Endlich kümmert man sich um das Kundenbedürfnis

Spätestens bei den Vorträgen von Peka Metall und Stimmt wurde klar, dass das Thema Kundenbedürfnis und -erlebnis auf die Agenda von Industriefirmen gehört. Erstere zeigten anschaulich auf, wie mittels Design Thinking bessere Produkte entwickelt werden können. Und Stimmt demonstrierte unterhaltsam, dass das was Kunden wollen nicht unbedingt das Gleiche ist, wie das, was Kunden brauchen. Wenn alle Qualität liefern können, wird es umso wichtiger den Kunden besser zu kennen und sich über das Kundenerlebnis differenzieren zu können.

Ein weiterer Block beschäftigte sich mit der Erhebung von Daten in der Produktion, respektive an der Maschine. Dabei zeigte sich dieser vorher oft erwähnte Wandel vom Produktehersteller zum Dienstleister, respektive Lösungsanbieter. Mittlerweile wird auf den gesammelten Daten auch Beratung zur richtigen Bedienung des Produkts oder sogar eigene Manpower zur Brechung von Lastspitzen bei Kunden angeboten.

Mit Sicherheit in die Zukunft

Der Abschluss der Tagung wurde der Sicherheit gewidmet. Für die Zuhörer erfreulicherweise auch mit einem Erfahrungsbericht zu kritischen Zwischenfällen in einem KMU. Gerade aus solchen anschaulichen Beispielen lässt sich wohl am meisten lernen.

So gestaltete sich das Industrieforum abwechslungsreich und dank den auf 15 Minuten beschränkten Vorträgen auch kurzweilig. Dadurch war es aber auch fast etwas viel. Eine Reduktion der Vorträge und Verlängerung der (Networking-)Pausen würde ein weiteres Ziel der Initiative unterstützen: Den Erfahrungsaustausch unter Direktbetroffenen. Aber auch so hat sich das Industrieforum zum Fixstern für die Industrie 4.0 in der Schweiz etabliert und die kommenden Jahre versprechen noch mehr konkrete Umsetzungs- und Erfahrungsberichte, statt nur Visionen und Theorien.