Gesellschaft


Ist Fachkräftemangel auch Frauenmangel?

Die Anzahl Frauen, die MINT-Fächer studieren, steigt an den Fachhochschulen nur sehr langsam, und an den Universitäten ist sie sogar rückläufig. Der Frauenanteil bei den Abschlüssen in Ingenieurwissenschaften beträgt gerade noch 27.5 %; von den 774 Studienanfängern waren nur 110 Frauen, also rund 14 Prozent.

Ist Fachkräftemangel auch Frauenmangel?

Es ist inzwischen eine Binsenwahrheit: Die demografische Entwicklung wird zum immer grösseren Problem. In den technischen und MINT-Berufen stehen viel zu wenige Nachwuchskräfte auf der Matte, um die Spezialisten zu ersetzen, die in den nächsten Jahren in Pension gehen. Zwar steigt seit Ende der Neunzigerjahre die Frauen­erwerbsquote: Gerade bei den Frauen mit Kindern ist sie zwischen 2010 und 2018 von 67,4 auf 75,7 % angestiegen. Doch unsere Branche spürt wenig davon, denn die Frauen lernen oder studieren – flapsig gesagt – einfach die falschen Berufe.

Vom Anstossen an gläserne Decken

Auch im Bereich des Managements, in Geschäftsleitungen und Verwaltungsräten, sind Frauen immer noch stark in der Minderzahl. Doch hier scheint sich etwas zu bewegen: Die Headhunterin Esther-Mirjam De Boer ist überzeugt, dass es genügend gut qualifizierte Frauen gibt, die bereits in den Startlöchern sind. Für sie ist es eine Frage der gezielten Rekrutierung, damit das Ungleichgewicht abgebaut werden kann und ambitionierte Frauen nicht an die oft bemühten «gläsernen Decken» stossen, die sie an der Karriere hindern.  Denn die Unternehmen können dadurch nur profitieren!

Mädchen fordern, Frauen fördern

Frauen in technischen Berufen: Wir alle wissen, dass hier noch grosser Nach­holbedarf besteht – obwohl sich alle einig sind, dass Frauen im Ingenieurwesen, in der Informatik oder in der Mathematik genauso gut sind wie Männer. Der entscheidende Unterschied: Sie entscheiden sich aus verschiedenen Gründen für andere Berufsfelder.

Blenden wir doch einmal zurück in die 1960er-Jahre: In Wirtschaft und Forschung stehen die ersten Computer. Programmiert werden sie vor allem von Frauen; die meisten haben einen höheren Abschluss in Mathematik, streben aber nicht unbedingt einen Lehrberuf an. Die «leichte Arbeit» des Programmierens kann ihnen aber durchaus zugemutet werden. Die Programmiererinnen machen einen fantastischen Job; ohne sie wäre z.B. das ganze Raumfahrt- und Mondlandeprogramm der NASA schlicht nicht möglich gewesen. Sie entwickeln die logischen Systeme von Grosscomputern, neue Programm­ier­sprachen, Anwendungen. Natürlich zu eher bescheidenen Löhnen, schliesslich sind sie ja Frauen.

Doch clevere Männer merken bald: Der Elektronik und den Computern gehört die Zukunft. Hier dürfte es bald viel Geld zu verdienen geben. Und innert weniger Jahre verdrängen sie die Frauen aus der lukrativ gewordenen Branche. «Software Engineering» entwickelt sich bis in den 80er-Jahren zur gut bezahlten, prestigeträchtigen Männerdomäne, und die Anzahl der Frauen in diesem Berufsfeld nimmt rapide ab.

Frühe Prägung und schulische Einflüsse

An der Universität Siegen (DE) wird die Frage untersucht, weshalb weniger Frauen im MINT-Bereich so erfolgreich werden wie Männer in den gleichen Berufen. Das Resultat ist nicht erstaunlich: Der Grund liegt oft darin, dass mangelndes Selbstvertrauen und gesellschaftliche Vorurteile einen Einfluss auf den Erfolg im Beruf haben können – Vorurteile, die sehr tief im Menschen verankert sind. Viele Kinder werden schon in jungen Jahren von Eltern oder anderen Bezugspersonen in eine Richtung gelenkt.

Kerstin Ettl von der Uni Siegen empfiehlt, Mädchen wie auch Jungs zu vermitteln, dass sie unendlich viele Wahlmöglichkeiten haben. Denn neben der Familie sind auch schulische Einflussfaktoren, Lehrpersonen wie auch die Peer Group, dafür verantwortlich, dass Mädchen – wie eine Studie von Microsoft zeigt – ab ungefähr 12 Jahren anfangen, das Interesse an MINT-Fächern zu verlieren.

Gute Saläre als Berufswahlgrund thematisieren

Die NZZ geht sogar noch einen Schritt weiter: Sie verlangt, dass Lehrpersonen und Eltern nicht nur Noten, sondern auch Verdienstmöglichkeiten zum Thema machen. Der Frauenanteil in Berufen, die mit Gesundheit oder Sprache zu tun haben, ist riesig; in MINT-Fächern fast konstant tief. Oder, wie es der neueste Bildungsbericht festhält: «Die ungleiche Verteilung von Frauen und Männern auf die einzelnen Lehrberufe hat sich trotz Schaffung neuer Lehrberufe nicht vermindert.» Und das, obwohl Abschlüsse in Physik, Ingenieur­wesen, Informatik oder Elektrotechnik in der Berufswelt wesentlich besser honoriert werden als solche in Ethnologie, Germanistik oder Pflege. Trotzdem wenden sich Frauen lieber «weiblichen» Berufsfeldern zu – und tragen damit selbst zur Zementierung der Lohnungleichheit zwischen Frau und Mann bei.

Zwar hat in den letzten Jahren der Frauenanteil bei den Maturitätszeugnissen mit MINT-Schwerpunkt leicht zugenommen. Doch der ist primär auf Biologie und Chemie zurückzuführen; die Begeisterung für Mathematik und Physik hält sich bei den Gymnasiastinnen in Grenzen. Stefan Wolter, Bildungsforscher an der Universität Bern, prophezeit deshalb: «Bleibt dieses Muster bestehen, werden wir auch künftig nicht mehr Frauen an der ETH haben.»

Keine Lust auf Wettbewerb?

Laut einer Studie der Uni Bern von 2017 lassen sich die unterschiedlichen Vorlieben von Schülerinnen und Schülern auch mit der Lust bzw. Unlust am Wettbewerb erklären. Mit anderen Worten: Mädchen messen sich weniger gern mit anderen. Buben dagegen mögen es, wenn am Ende ein Sieger feststeht. Deshalb liegen ihnen Mathematik und Physik näher: Beides sind exakte Wissenschaften. Es gibt richtig und falsch, man hat recht oder unrecht. Deshalb werden diese Fächer als «hoch kompetitive» Disziplinen wahrgenommen. Doch in den Jobs der digitalen Zukunft sind Fähigkeiten in Mathematik und Physik heiss begehrt. Die Chancen von Absolventen dieser Studienfächer im Arbeitsmarkt sind hoch – und in Berufen mit hohen Anforderungen an mathematische Kompetenzen werden höhere Löhne gezahlt.

Auf Kurs mit den tun-Erlebnisschauen

Wer schon einmal die Kinder an einer tun-Erlebnisschau erlebt hat, ihr Interesse, ihr Engagement und ihre Begeisterung, der fragt sich schon, weshalb sich das nicht auf die Berufswahl der Mädchen niederschlägt. Nun, es ist ein langwieriger Prozess. Es braucht die frühe Unterstützung von Eltern, Schule und Umfeld. Es geht überhaupt nicht darum, den Mädchen ihre Barbie-Puppen wegzunehmen und ihnen stattdessen programmierbare Roboter in die Finger zu drücken. Sondern es ist vielmehr unsere Aufgabe, ihnen immer wieder klar zu machen, dass die Welt der Technik auch für sie eine spannende Alternative für die Berufswahl sein könnte. Dass sie das sehr wohl können. Und dass es auch in ihrem eigenen Interesse ist, sich nicht bescheiden zu einer Berufslehre mit der Bezeichnung «Assistentin» zu entschliessen (in den Top Ten der beliebtesten Lehrberufe: Dentalassistentin, Med. Praxisassistentin, Detailhandels­assistentin, Assistentin Gesundheit und Soziales). Bei den männlichen Lernenden gibt es in den Top-Ten der Ausbildungsberufe keinen «Assistenten».

Frauen in MINT-Berufen: Wenig Bewegung in der Statistik

Frauen sind in den MINT-Berufen immer noch stark unterrepräsentiert. Zwar registrieren die Statistiken in gewissen Bereichen der beruflichen Grundbildung marginale Zunahmen, aber von einem Durchbruch sind wir noch immer weit entfernt.  

Auch in der höheren Berufsbildung zeigen die grossen Anstrengungen, mehr Frauen für technische Studienrichtungen zu begeistern, nur einen bescheidenen Effekt. In der Informatik beispielsweise stagniert der Frauenanteil bei niedrigen 15 Prozent. Einen gewissen Erfolg verzeichnet das Maschinen- und Elektroingenieurswesen: Hier ist der Frauenanteil in den letzten zehn Jahren immerhin von 11 auf 16 Prozent gestiegen.

Die Statistiken zeigen bei vielen Studienfächern weiterhin eine ausgeprägte Segregation der Geschlechter.