Gesellschaft


Wie verändern neue Technologien die Gesellschaft?

2001 veröffentlichte Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx eine Studie zum Thema «Die Zukunft des Internets». Seine Prognose: Das Internet werde sich auf absehbare Zeit nicht zu einem Massenmedium wie Radio und Fernsehen entwickeln, und E-Commerce sei auch nicht zukunftsfähig.

Wie verändern neue Technologien die Gesellschaft?

Das erinnert uns an eine Zukunftsvision aus dem 19. Jahrhundert: Wenn der Verkehr so weiterwachse, verschwänden die Strassen von New York innert weniger Jahre unter einer meterhohen Schicht von Pferdemist. Mit der unvorhergesehenen rasanten Automobilisierung des Stadtverkehrs löste sich das Problem innerhalb kürzester Zeit von selbst. Doch die bequeme Lösung der Pferdeäpfel-Herausforderung führte langfristig zu anderen Problemen wie Luftverschmutzung und der Klimawandel ...

Ob Internet oder Pferdemist: Beide Anekdoten zeigen, dass der Rückblick immer einfacher ist als das Vorausschauen!

Von Prognosen und Wahrscheinlichkeiten

Heute steht die Welt vor einer viel grösseren Challenge als den Auswirkungen der Pferdefuhrwerke. Die Digitalisierung wird die Gesellschaft, die Wirtschaft und die Politik grundlegend verändern. Prognosen sind schwierig; zu viele Unwägbarkeiten können einschneidende Auswirkungen nach sich ziehen.

Doch heute werden die Weichen gestellt. Unzählige Wissenschaftler und Forscher zerbrechen sich den Kopf darüber, wer wann und wo welche Stellhebel ansetzen und betätigen müsste, um die Entwicklung in geordnete Bahnen zu lenken – zum Wohl der zukünftigen Menschheit.

Paradies oder Chaos: Wohin steuert die digital technologisierte Welt?

Was hat die Gesellschaft von der Digitalisierung zu erwarten? Erwächst aus den kleinen und grossen automatisierten Helfern in Haushalt und Wirtschaft eine nur schwer kontrollierbare Bedrohung? Verursacht sie im Endeffekt globale Unruhen und erstickt sie das Leben des Einzelnen in Datenmüll? Oder dürfen wir ganz einfach auf eine schöne neue Welt hoffen, in der sich dank der Digitalisierung alles zum Besten wendet?

In der weltweiten Delphi-Studie «Arbeit 2050» (2016) haben sich Organisationen und Stiftungen des «Millennium Project» intensiv mit den Aussichten und Folgen der neuen Technologien beschäftigt; das Update von 2019 entwickelt aus neuen Umfrageergebnissen drei Szenarien, um mögliche Entwicklungen aufzuzeigen. Die Autoren gehen davon aus, dass der technologische Wandel rasch voranschreitet, rascher, als es heute viele annehmen – und dass sich dabei die Arbeit radikal verändert. Zum einen, weil Manpower ersetzt wird, aber auch, weil in allen Szenarien andere Fähigkeiten als heute gefragt sind. Die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine wird enger, zum Teil sehr eng. Die gesellschaftlichen Folgen werden das Leben auf der ganzen Welt prägen, und die Wirtschaft wie auch die Politik tun gut daran, nicht nur in Jahresbilanzen und Legislaturperioden zu rechnen, sondern sich die langfristigen Folgen ihres Tuns zu überlegen.

Das «Millennium Project» hat in seinen Studien und Szenarien deshalb den Zeitraum bis 2050 betrachtet. Die Autorinnen und Autoren legen aber Wert darauf, dass diese Szenarien nicht als Prognosen zu verstehen sind, sondern einfach zeigen, was sein und passieren könnte.

Szenario 1: Fast alles wird gut.

Gegen das Jahr 2050 beginnt der Übergang in eine Wirtschaft der Selbstaktualisierung und Selbstverwirklichung. Ein geschichtlich einmaliger Wandel – weg von menschlicher Arbeit und menschlichem Know-how hin zu Maschinenarbeit und -wissen. Die Menschheit ist davon befreit, zum Broterwerb und aus Gründen der Selbstachtung einer Arbeit nachgehen zu müssen. Eine nachhaltige Weltwirtschaft deckt die Grundbedürfnisse fast aller Menschen und bietet den meisten einen gehobenen Lebensstandard. Ermöglicht wird das zum einen durch die flächendeckende Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens, finanziert durch Steuern auf Finanztransaktionen, Umweltbelastungen, Roboter und neue Technologien sowie durch die Schliessung von Steueroasen. Zum anderen gehen durch die Automatisierung und die sinkenden Lohnkosten die Lebenshaltungskosten zurück. Die Leute verwenden das Einkommen, um mehr Geld zu verdienen (u.a. durch Weiterbildung), sie sind gesünder, Bildungsniveau und Selbstständigkeit steigen, und es gibt weniger Kriminalität.

Im erwerbsfähigen Alter sind 2050 sechs Milliarden Menschen, eine ist in Anstellung, drei sind selbstständig, eine in der Schattenwirtschaft tätig und eine Milliarde im Übergang zur Selbstständigkeit. (Zum Vergleich: ums Jahr 2000 gibt es etwa drei Milliarden Beschäftigte). Bis 2050 haben die neuen Technologien also mehr neue Arten von Arbeit geschaffen als alte vernichtet. Für die neue Generation der «Globals» hat der Begriff der Arbeitslosigkeit keine Bedeutung mehr. Der Mensch lebt länger und ist bis ins hohe Alter gesund; er befindet sich in einem so intensiven und vielschichtigen Austausch mit künstlichen Intelligenzen, dass es kaum noch eine Rolle spielt, wer was ist – Zivilisation wird zum Kontinuum aus Bewusstsein und Technologie.

Szenario 2: Es ist kompliziert.

Das «Great Brain Race», der Kampf der Universitäten um die hellsten Köpfe für ihre Forschungsinstitute, schafft ab 2020 die Basis für die Entwicklung einer menschenähnlichen künstlichen Intelligenz. Dazu kommt ab 2030 die Einführung von Quantencomputern in der Cloud. Durch die Technologisierung verstärkt sich die Arbeitslosigkeit; Selbstständigkeit wird allgemein erstrebenswert. Etwa einer Milliarde Menschen fällt diese Umstellungsphase deutlich schwerer als dem Rest. Die Einführung verschiedener Formen des Grundeinkommens verhindert jedoch die befürchteten sozialen Unruhen. Innovationen in der Altersforschung führen weltweit zum langsamen Verschwinden des Leitbilds Ruhestand. Der Ausbau von Crowd Investing reduziert die Vermögenskonzentration wie auch das Gefälle zwischen Arm und Reich.

Betrug im Internet bleibt jedoch auch 2050 allgegenwärtig; Staaten, Unternehmen und soziale Bewegungen führen Informationskriege. Gehirn-zu-Gehirn-Schnittstellen können jederzeit gehackt werden, kriminelle Organisationen beeinflussen Regierungsentscheidungen. Viele Menschen zweifeln, wem man überhaupt trauen könne, während weltweit Bewusstsein und Maschine immer weiter verschmelzen. Wanderungsbewegungen, ausgelöst durch den Zerfall von Staaten, weltweite Rezessionen und Klimawandel, erschüttern immer wieder die globale Sicherheit.

Die Synergien zwischen neuen Technologien führen zu riesigen Konzernen, deren Macht sich jeder staatlichen Kontrolle entzieht. China verfügt als grösstes Wirtschaftsimperium über riesigen Einfluss in einer marktwirtschaftlich-staatlichen, virtuellen-3D- und multipolaren Welt.

In diesem Szenario sind im Jahr 2050 weltweit sechs Milliarden Menschen im erwerbsfähigen Alter – davon sind zwei als Angestellte, zwei selbstständig und eine Milliarde in der Schattenwirtschaft tätig, eine weitere Milliarde ist arbeitslos oder in Weiterbildung.

Szenario 3: Turbulenzen und Verzweiflung

Die «egoistische» Wirtschaftspolitik des frühen 21. Jahrhunderts mit ihrer Konzentration auf willkürlich und mutwillig initiierte Konflikte wird völlig überrascht vom Tempo, mit dem um 2030 neue Technologien Arbeitsplätze und Unternehmen zerstören. Diese Problematik ist den Entscheidungsträgern zwar schon seit Mitte der 2010er Jahre bekannt, doch die lokale wie weltweite politische Lagerbildung verschlimmert sich weltweit in einem Mass, das ab Mitte der 2020er Jahre einen konstruktiven Diskurs über Wirtschaftspolitik unmöglich macht. Wohlstandsgefälle und Vermögenskonzentration nehmen weiter zu. Immer weniger Menschen werden zur Erbringung von Dienstleistungen bzw. Produktion von Waren gebraucht. Man hört nur noch auf die eigene Internet-Community, die Einstellungen und Vorurteile bestätigt. Wichtige Entscheidungen werden Jahr um Jahr aufgeschoben, darunter leiden Bildung, Wirtschaft und sozialer Zusammenhalt.

In diesem Szenario sind 2050 sechs Milliarden Menschen im erwerbsfähigen Alter, nur eine ist in Anstellung, eine ist selbstständig, zwei sind in der Schattenwirtschaft tätig und der Rest ist arbeitslos oder in Weiterbildung. Die neuen Technologien haben seit 2030 also weniger Arbeitsplätze geschaffen als vernichtet. Die geschwächten Volkswirtschaften und Finanzsysteme können alternde Gesellschaften und massive Jugendarbeitslosigkeit nicht bewältigen.

Das globale Geschehen wird dominiert von sozialen Konflikten, Internet-Kriminalität, Terrorismus, betrieblichen Milizen und dem organisierten Verbrechen. Das komplexe, aber auch sabotageanfällige Internet of Things wird zum Alptraum; das vorherrschende Gefühl einer allgemeinen Bedrohung verstärkt sich weiter.

Aus Richtung der «Failed States» erhöht sich der Migrationsdruck in Richtung der etwas stabileren nordatlantischen Länder. Die Folge sind Wahlsiege der Nationalisten in Nordamerika; die EU gerät an den Rand der Auflösung.

Der Klimawandel bringt Dürren und Hungersnöte; Umweltkatastrophen, Erderwärmung, Versauerung der Meere und die Veränderung der Meeresströme machen das Klima noch unvorhersehbarer. Entfremdung und Zukunftsangst machen sich breit; der Zukunftsschock führt zu einer allmählichen, scheinbar unaufhaltsamen Auflösung sozialer Normen und Regeln.

2050 hat die Welt ihre Ordnung verloren. Sie besteht nun aus einer Mischung aus Nationalstaaten, Mega-konzernen, örtlichen Milizen, Terrorismus und organisiertem Verbrechen.

Wir können nicht nur mitgestalten. Wir müssen.

Die wichtigsten Kernaussagen aus der Delphi-Studie des «Millenium Project» lassen sich so zusammenfassen:

Wir wissen nicht genau, was kommt, aber wir können es gestalten: Die Unsicherheit über die zukünftigen Entwicklungen ist gross, denn sie hängen von politischen Rahmenbedingungen und der Zusammenarbeit der Akteure ab. Das bedeutet aber auch: Wir können den Verlauf der Entwicklung gestalten.

Immer mehr Aufgaben können von Maschinen erledigt werden. Robotik, künstliche Intelligenz und Technologie-Konvergenz treiben die Entwicklung voran. Der zentrale Treiber des Wandels ist der anhaltende und beschleunigte technologische Fortschritt unter den Vorzeichen der Digitalisierung, der nahezu alle Berufsgruppen erfasst.

Die globale Arbeitslosigkeit könnte bis 2050 auf 24 Prozent (oder mehr) steigen. Unternehmen wir nichts Grundlegendes zur Anpassung an die neuen Arbeitsrealitäten, wird sich dabei auch die soziale Schere weiter öffnen.

Vielleicht muss gar keiner mehr arbeiten. Nach der Transformationsphase braucht es neue Wirtschafts- und Sozialsysteme. 60 Prozent der Experten sprechen sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen aus. Bis 2050 wird ein neues System entstehen, in dem beispielsweise Lohnarbeit überflüssig sein kann oder das Grundeinkommen die meisten Menschen ernährt. Es muss dringend nach alternativen Formen gesucht werden, wie Einkommen für alle Bevölkerungsgruppen ausserhalb von klassischer Lohnarbeit generiert werden kann.

Die Transformationsphase wird über die nächsten ein bis zwei Dekaden anhalten. Im Sinn eines «digitalen Darwinismus» setzt sich der Wandel der Arbeitswelt fort: Immer mehr Tätigkeiten werden automatisiert. Es folgt ein Übergang in ein völlig neues System des Arbeitens und Wirtschaftens, in dem auch die Sozialsysteme anders aussehen müssen, und in dem vielleicht das Prinzip der Lohnarbeit gänzlich überholt ist.

Arbeit ist heute schon mobil und multilokal. Morgen findet sie im kollektiven virtuellen Raum statt. Das Tempo der Veränderung wird sich weiter beschleunigen, aber schon heute können Arbeitgeber und Arbeitsbestimmungen nicht mit dem Wandel mithalten.

Es entstehen völlig neue Berufsfelder. In den Sektoren Freizeit und Gesundheit, in technologienahen Feldern und mit neuen Berufsbildern vom Empathie-Interventionist bis zum Algorithmen-Versicherer bilden sich Arbeitsbereiche und Berufe heraus, die geprägt sind von ureigenen menschlichen Fähigkeiten wie Empathie oder Kreativität.

Einzelne gehen voran, aber das Bildungssystem ist überfordert. Bildung und Weiterbildung halten nicht mit dem technologischen Wandel Schritt. Ob Massen-Online-Kurse oder P2P-Lernplattformen (public-public partnership): Das Bildungswesen muss sich revolutionieren und z. B. in die Richtung selbstgesteuerter Bildungsportfolios entwickeln.

Wir alle sollten programmieren lernen, um den Algorithmen nicht hilflos gegenüberzustehen. Als Basis müssen künftig technologische Kompetenzen aufgebaut werden, dazu sogenannte Meta-Kompetenzen, die das Navigieren in volatilen Arbeitsmärkten und wechselnden Umfeldern ermöglichen.

Globale Megatrends lassen nationale Lösungen ins Leere laufen. Rein nationale oder regionale Ansätze und Perspektiven greifen zu kurz, weil z. B. Wissensarbeit bald nahezu gänzlich ortsungebunden ausgeübt werden kann.

Dieser Artikel basiert auf den beiden Delphi-Publikationen von Millennium Project und Bertelsmann-Stiftung. Es lohnt sich, sie herunterzuladen und sich ein vertieftes Bild darüber zu machen!

2050: Die Zukunft der Arbeit (2016)
Arbeit 2050: Drei Szenarien (2019)

Was wir tun können: fünf Handlungsoptionen

Wirtschaft und Arbeit: Es braucht neue Spielregeln bzw. einen neuen Gesellschaftsvertrag für eine sich verändernde Arbeitswelt, besonders die Förderung passender Rahmenbedingungen für neue Arbeitsformen und Selbstständigkeit – beispielsweise ein Äquivalent der Gewerkschaften für Freiberufler.

Regierung und Governance: Auch der Staat muss sich mit entsprechenden Institutionen und Prozessen stärker an langfristigen Perspektiven ausrichten, um so proaktiver (nicht nur bei Arbeit und Technologie) die Zukunft zu antizipieren und zu gestalten.

Wissenschaft und Technologie: Damit die rasante Entwicklung neuer Technologien weder unserem Verständnis noch unserer Kontrolle entgleitet, ist verstärkte transinstitutionelle und internationale Zusammenarbeit notwendig.

Medien, Kultur und Kunst: Wir brauchen attraktive und konkrete Bilder positiver Formen von Arbeit und Technologie-Nutzung der Zukunft, die aus einer neuen Allianz im Kultursektor entstehen können.

Bildung und Lernen: Wir sollten Fähigkeiten statt nur Wissen vermitteln und Meta-Skills (wie die Fähigkeiten zur Kooperation, Kreativität und Problemlösung) fördern, um auf bewegtere Arbeitsbiografien vorzubereiten.