Bonmot heute

Digital Natives: hochgeschätzt und überschätzt

Was haben wir doch immer gelacht über die
E-Mail-Ausdrucker, die den Aufruf zum
reduzierten Papierverbrauch fein säuberlich im Bundesordner ablegten. Wie hämisch haben
wir gegrinst, als 2013 die deutsche Kanzlerin ihre Hände zur Raute faltete und treuherzig
verkündete: «Das Internet ist für uns alle Neuland.»

Wir alle sind doch sehr viel weiter! Aber Hand aufs Herz: Wie viel Papier wird heute in den
meisten Unternehmen noch produziert?
Wie viele Websites von Schweizer Unternehmen sehen immer noch so aus, wie wenn für
sie das Internet immer noch Neuland wäre?
Und weitergedacht: Wie sieht es mit der Affinität zum Digitalen aus, wenn die neuesten «News»,
die man anklickt, auf eine Messeteilnahme
im Jahr 2014 verweisen?

Ähnliches gilt aber auch für die breite Masse der höchst umworbenen und oft masslos
überschätzten Digital Natives: Zwar sind viele fähig, bei Amazon oder Zalando Kleider
und Gadgets zu bestellen, Youtube-Filmchen hochzuladen oder auf dem Tablet Netflix-Serien zu schauen. Ihr Sozialleben organisieren sie auf Tinder, und ihre Information beziehen sie aus ihrer Facebook-Contentblase. Aber nur die wenigsten
von ihnen sind wirklich in der Lage,
nur schon gezielt nach Inhalten zu googeln und die Resultate kritisch zu bewerten, geschweige
denn selber eine einzige Zeile Code zu schreiben.

Die Konsumwelt richtet sich natürlich ganz auf ihre Ansprüche ein und nutzt dazu all die vielen
Informationen, die sie ihnen freiwillig und oft sehr naiv zur Verfügung stellen. Und diese
Ansprüche sind immens. Wesentlich grösser
jedenfalls als ihre Bereitschaft, aus der Masse
der reinen digitalen Konsumenten
herauszuwachsen und selber zu aktiven
Gestaltern des digitalen Wandels zu werden.

 

                               Schreibt, bevor er sich eine gleich       
                                um die Ecke analog beschaffte
                     Bratwurst genehmigt,

Ihr Insider